Von Waldemar Besson

Theodore C. Sorensen: „Das Vermächtnis der Kennedys“; Christian Wegner Verlag, Hamburg 1970; 310 Seiten, 25,– DM.

Der Ruhm der Kennedys gehört schon der Vergangenheit an. Vor allem seit dem „Unfall“ Edward Kennedys an der Brücke von Chappaquiddick sind die Zweifel an der Legitimität der Kennedy-Legende immer lauter hervorgetreten. Viele Menschen haben jahrelang am Bild der strahlenden Siegfrieds mitgebaut. Um so größer war das Erschrecken, als man einsehen mußte, auch Amerikas Lieblingshelden sei das Allzumenschliche nicht fremd. Auf das Halleluja der früheren Tage folgte Ernüchterung, bei vielen sogar hämische Schadenfreude.

Aber die Wahrheit über die Kennedys und ihre politische Leistung ist komplizierter, als es so einfache Formeln wie „Liebe“ und „Haß“ ausdrücken. Die entscheidende Frage wird freilich niemand beantworten können: Ob es wohl John oder Robert Kennedy gelungen wäre, die Vereinigten Staaten vor jenem tiefen Fall zu bewahren, der durch Vietnam ausgelöst wurde. Die leuchtenden Ideale der „Neuen Grenze“ erwecken, heute bei vielen Menschen in Amerika und außerhalb eher bitteren Zynismus, wenn man sie am Bombenkrieg in Südostasien oder am Verhalten der schwarzen und weißen Extremisten in Amerika mißt.

Theodore Sorensen, den engsten Vertrauten John F. Kennedys, den Autor vieler seiner Reden, bekümmert dies alles nicht. Er ist sicher, daß die Brüder Kennedy, hätten sie nur länger leben und wirken können, alles anders und besser gemacht haben würden. Das ist es, was seine Predigt über das Vermächtnis der Kennedys besagen soll. John Kennedys Überzeugungen und Maximen hätten es nicht erlaubt, daß er sich, so wie sein Nachfolger Lyndon Johnson, in Vietnam verstrickte, und Robert. sei, ehe ihn der Tod mitten aus dem Präsidentschaftswahlkampf riß, dabei gewesen, Amerikas Aufbruch zu erneuern, die rebellierenden Studenten und Neger wieder mit dem Rest des Volkes hinter dem Sternenbanner zu vereinen.

Ob soviel, Optimismus berechtigt ist, wage ich zu bezweifeln. Was wäre, wenn, kann niemand sagen, und nur prophetische Geister riskieren die Antwort. Sorensens These wird aber auch nicht dadurch überzeugender, daß er seitenweise darlegt, wie skeptisch Präsident Kennedy alle militärischen Lösungen politischer Konflikte beurteilt habe und er schon deswegen die Eskalation in Vietnam nicht betrieben haben würde.

Wenn derart über das Vermächtnis der Kennedys geredet wird, muß der Leser annehmen, es handele sich hier um eine handfeste Apologie. Dies ist in der Tat der erste flüchtige Eindruck der Lektüre. Aber bliebe man dabei stehen, täte man dem Verfasser unrecht. Natürlich hat auch er an die Siegfrieds geglaubt. Zuviel eigenes Leben und eigene Leistung waren mit ihnen verbunden. Aber Sorensen ist keineswegs ein eifernder Prophet, der gegen den Niedergang des Kennedy-Kultes aufbegehrt. Er hat sich den kritischen Blick auch gegenüber seinen Helden bewahrt.