ZDF, Mittwoch, 2. September: „Literarisches Colloquim“ Jetzt pfeift es das ZDF zu nachtschlafender Zeit von allen Bildschirmen: der Deutschlehrer vor der Klasse – ratlos. Er war es natürlich auch nach Höllerers „Literarischem Colloquium“ noch. Immerhin: viele Probleme seines Alltags kamen da zur Sprache, und Sprache ward zum Problem.

Ein stud. phil. Pehlke doziert mit ernster Miene über „Faust“ als „Apotheose des Bürgertums“. Ordinarius Höllerer redet liebenswürdig über notwendige Sprachkritik am Alltagsdeutsch, warnt vernünftig vor Soziologismen.

Mit Recht. Denn unterdessen hat Pehlke, die Ideologiekritik verteidigend, eine neue Ideologie installiert: Der Deutschlehrer, der „an einem dörflichen Gymnasium im Hinterwald sein Dasein fristet“, müsse resignieren oder in progressive Zentren auswandern.

Hat der künftige Deutschlehrer die eigene Sprache schon kritisch analysiert? Sie verrät: Flieht die Gymnasien am Lande, Dorfkinder dürfen dumm bleiben. Hauptsache, der kritische Studienrat kann mit seinen kritischen Großstadtschülern Ideologiekritik treiben.

Gott sei Dank hatte Höllerer auch einen Schüler eingeladen (den er hoffentlich nur deshalb duzte, weil er den Vater gut kennt). Tilman Jens gab Kritisches, Vernünftiges, Praktikables von sich: Aktualisierung der Literatur-Behandlung mit Stoff gleichen Werken verschiedener Autoren; Analyse des Konsum-Kauderwelschs; Erziehung zum Hinhören, Meinungsbilden, Formulieren in der guten alten „dehnte“ britischer Machart. Damit ist ein Deutschlehrer wohl auch nicht überfordert, wenn er eines Soziologie-Diploms enträt

Daß freilich die Ausbildung der Deutschlehrer an den Universitäten praxisbezogener werden muß, haben vor den Herren Riha und Evers schon viele Betroffene gefordert. Bisher so gut wie vergebens. Und daß Höllerer sich den Kontakt zwischen Schulpraktikern und Universitätslehrern wünscht, sei dankbar vermerkt. Schon weil er diesen Kontakt „Rückkopplung“ nannte. In der Sprache des technischen Zeitalters versteht man darunter wohl ein Aufheulen des Lautsprechers. Oder des Deutschlehrers?

Heinz Mathias Meltzer