Nach Leipzig, drei Wochen vor der Frankfurter Buchmesse: Wer als „Büchermensch“ diese Reise unternimmt, muß schon in sehr dringlichen Geschäften reisen, oder aus Anhänglichkeit an den traditionellen Messeplatz, dem bereits Lessing bescheinigte, er sei ein Ort, „wo man die ganze Welt im kleinen sehen kann“.

Die ganze Welt also. Sie eilt, wenn man den Autoschildern glaubt, den Ausstellerkatalogen, den imponierenden Teilnehmerzahlen und wie immer überfüllten Hotels, tatsächlich in jährlich wachsender Zahl nach Leipzig und wird dort vom „Welthandelspartner DDR“ erfreut begrüßt – doch freilich haben Marxens Götter vor Gruß und Handel einige Mühsal gesetzt. Mindestens der Bundesbürger, gelegentlich noch immer als Westdeutscher tituliert, hat einige sehr irdische Hindernisse zu überwinden, ehe er die selbs: vom nüchternen Ernst Moritz Arndt als „freundliche Lindenstadt“ poetisch gepriesene Metropole der Handelsgüter überhaupt nur erreicht.

Ist es aufregend? Ist es ärgerlich? Auf der Saalebrücke Rudolphstein-Hirschberg spielt sich mit Variationen, Messe für Messe dasselbe ab. Nach irgendeinem unerforschlichen System werden Pässe und Papiere geprüft, mehrmals, gründlich; Messebesucher-Autos, wohlunterschieden vor. denen des Berlinreisenden, müssen, beziehungsweise dürfen eine Extraschlange bilden und werden weniger gefilzt. Manche auch gar nicht. Manche auch besonders gründlich.

Mit den auf DDR-Autobahnen vorgeschriebenen hundert Stundenkilometern erreicht der Reisende in Büchern schließlich sein Ziel, das Messehaus am Markt (wobei auffällt, daß nicht nur hierzulande zur Messe und anderen besucherreichen Zeiten der Straßenbau besonders kräftig blüht). Der helle, noch gar nicht alte Glasbau fängt zwar schon ein bißchen an zu vergammeln, aber sein Innenleben bietet dem an Frankfurts Hektik orientierten Gemüt einen unschätzbaren Vorteil: Man hat Zeit zu richtig langen, ruhigen Gesprächen. Die Leipziger Herbstmesse ist eine gelassene, fast entspannt-heitere Angelegenheit, Das spiegelt sich auch außerhalb des Messehauses wider: Ein Platz im Theater, in der Nachtbai oder dem guten alten historischen Restaurant zum „Kaffeebaum“, ja selbst ein Parkplatz ist hier zu bekommen.

Die bei uns übliche lauernde Frage nach dem Bestseller begegnet auf Leipzigs Buchmesse freundlicher Verwunderung. Nein, Bestseller im Sinn eines besonderen Knüllers, durch Werbung hochgetrimmtes Lesefutter für möglichst breite Leserschichten, das kennt man nicht. Das Buch ist nach wie vor weniger Ware als Bildungsgut. Lenins markig-bärtiges Kinn, das zu seinem hundertsten Geburtstag noch zur Frühjahrsmesse selbst Lebensmittel- und Miederwarengeschäfte zierte, ist in den Hintergrund gerückt. Buchwerbung findet diesmal vor allem unter Hinweis auf das Ende des Faschismus vor 25 Jahren, den 120. Geburtstag Engels’ oder ab und zu noch immer auf das zwanzigjährige Bestehen „unserer Republik“ statt. Sie ist, sehr ernsthaft, auf Bildung und Forschung ausgerichtet, für lockende Slogans fehlt ihr der Sinn und die Leichtigkeit.

Von insgesamt 7800 Neuerscheinungen, die in Leipzig vorgestellt wurden, stammen 1350 aus der DDR, wobei der Löwenanteil auf das Sachbuch fällt; Kinderbücher wie immer auffallend schön; Publikationen, die sich auf Haus, Garten, Mode und Kochen beziehen, ebenfalls wie immer, bieder bis langweilig; Industriefachveröffentlichungen und Lehrbücher in unübersehbarer Menge. Zur Politik: eine neue Engels-Biographie, Marx/Engels ausgewählte Werke in sechs Bänden, Lenins Schriften gar in 40 Bänden, Rosa Luxemburgs Gesammelte Werke. Um Klassiker, besonders des 19. Jahrhunderts, gibt man sich bibliographisch und wissenschaftlich große Mühe: Der Akademieverlag projektiert eine Säkularausgabe der Werke Heinrich Heines; Rütten & Loening legt eine erstaunlich vielfältige Reihe „Germanistische Studien“ vor, von Goethe bis Martin Walser (Klaus Pezold: Martin Walser – Seine literarische Entwicklung von 1952 bis 1965). Ein kleiner Haken nur ist dabei: Walsers Werke sind (zur Zeit) nicht zu haben.

Dafür gibt es bei Volk und Welt Frischs „Biografie“ und bei der Insel einen Böll („Und sagte kein einziges Wort“). Das klingt nicht eben üppig, ist aber doch erfreulich, denn bis vor gar nicht langer Zeit lief der Lizenzhandel fast ausschließlich einseitig von Ost nach West. Hier scheint sich, wenn auch zunächst auf schmaler Spur, eine Gegenbewegung anzubahnen. Bisher fragten bundesdeutsche Verleger, im nicht selten arroganten Bewußtsein ihrer Devisenträchtigkeit: „Was habt ihr denn so für uns?“ Das ist vorbei. Zwar bleibt das Kontingent des Buchexports noch immer schmal, aber, dies als wichtiges Fazit: der Trend zum Austausch und zur Koproduktion in beiden Richtungen zeichnet sich zaghaft, doch spürbar ab. Sicher, die unzähligen Romane mit westlichem Society- oder Business-Milieu interessieren dort so wenig wie hier Schicksale aus dem Kohlekombinat. Und unsere Sex- und Pornowelle begegnet kopfschüttelnder Zurkenntnisnahme.