Die Engländer spekulieren über eine Schützenhilfe der EWG zur Lösung eines nationalen Problems: Die EWG-Wettbewerbsgesetze sollen der konservativen Londoner Regierung eine gute „Ausrede“ für die Entnationalisierung der britischen Stahlindustrie liefern. Nur dreizehn Prozent der Europa-Rohstahlproduktion dürfen laut Brüsseler Regelung in einer Hand liegen, doch die „British Steel Corporation“ (BSC) würde achtzehn Prozent des erweiterten Marktes beherrschen.

Nach der Verstaatlichung von 1951, der Reprivatisierung unter der folgenden Tory-Administration im Jahre 1953 und der erneuten „Sozialisierung“ durch Harold Wilson scheint es nun, als wären die „Kapitalisten“ im alten Spiel erneut am Zug.

Doch ob die neuen Herren von Whitehall von der EWG-Ausrede Gebrauch machen werden, ist noch gar nicht sicher. Mit Verstaatlichungs- beziehungsweise Reprivatisierungsdogmen wurde in den letzten Wahlschlachten kaum noch getrommelt. Kein Politiker hat das einstmals beliebte Thema auch nur gestreift.

Darüber hinaus beginnen – auch für die Tories – nun erst die Früchte der Stahl-Nationalisierung von 1967 zu reifen. Die Umstrukturierung der alten 80 meist defizitären Kleinbetriebe zu den sechs mächtigen Divisionen des zweitgrößten Rohstahlproduzenten der Welt ist beinahe abgeschlossen.

Eine Milliarde Pfund werden gemäß dem Siebenjahresplan bis 1975 vor allem in die vier Produktionszentren und in die Tiefseehäfen investiert. Von 21,8 Millionen Tonnen vor der Nationalisierung auf 33 Millionen Tonnen im Jahre 1975 will BSC-Boß Lord Melchett die Produktion steigern. Mit niedrigeren Preisen als die europäische Konkurrenz soll zudem heuer erstmals ein Gewinn erzielt werden.

Auch wenn der geplante Gewinn von 70 Millionen Pfund nur ein bescheidenes Entgelt für den Einsatz von 940 Millionen Pfund darstellt, so ist BSC damit doch ein „profitabler“ Staatsbetrieb; außerdem ist die Struktur heute schon derart zentralisiert, daß ein neuerliches Aufteilen in kleine Produktionseinheiten praktisch unmöglich wird – auch wenn sich genügend kaufwillige „Kapitalisten“ finden würden.

Sorgen jedenfalls, so sagt das verantwortliche Technologieministerium, macht man sich wegen der „Brüsseler Schützenhilfe“ – welche auch für die Tories eher eine Drohung ist – noch keine. British Steel selbst enthält sich jeden Kommentars: „Vor den Beitritts Verhandlungen bleibt alles reine Spekulation.“

Außerdem kann sich das Problem um die Prozente bis dahin auch von selbst lösen: wenn die Briten-Wirtschaft und mit ihr die Stahlindustrie weiterhin stagnieren, werden die heutigen achtzehn Prozent von BSC bald unter den kritischen Satz von dreizehn Prozent absinken. fw