Robert A. Divine: „Roosevelt and World War II“; The Johns Hopkins Press, Baltimore 1969; 106 Seiten; 57 s.

Franklin D. Roosevelt ist eine der Schlüsselfiguren des 20. Jahrhunderts. Er steht am Beginn des spektakulären Aufstiegs der Vereinigten Staaten zur Weltmacht. Für sie schuf er im „New Deal“ die Voraussetzungen der inneren Modernisierung, und er war zugleich der erste, wenn auch nicht der letzte Präsident, für den es keinen Rückzug gab, als er einsehen mußte, daß sich die Maßstäbe der amerikanischen Demokratie nicht einfach auf die internationale Bühne übertragen ließen.

Kein Wunder, daß Franklin Roosevelts Bild in der Beurteilung der Zeitgenossen wie der Nachwelt schwankt wie kaum ein anderes. Die Literatur über ihn füllt Bibliotheken. Die Fronten sind so scharf wie am ersten Tag. Denn dieser amerikanische Präsident hat mit anderen großen Figuren der Geschichte gemeinsam, daß er von vielen gehaßt und von vielen geliebt wurde.

Mißt man die kleine Veröffentlichung von Robert Divine, die aus vier Gastvorlesungen an der Johns Hopkins University hervorging, an der faszinierenden Größe ihres Gegenstandes, so ist man zunächst enttäuscht, weil alles so vordergründig erklärt wird. Aber beim genaueren Zusehen verwandelt sich die Nüchternheit in einen Vorteil. Da werden nämlich nicht von vornherein Stellungen bezogen und apodiktische Werturteile gefällt. Da läßt sich ein Autor vielmehr auf eine fast altmodische Diplomatiegeschichte ein, um die Phasen und Stufen von Roosevelts Außenpolitik nachzuzeichnen.

Der Verfasser räumt ein, daß er selbst einen Zickzackweg in der Interpretation Franklin Roosevelts durchlaufen habe. Am Ende stehe bei ihm freilich das Wohlwollen, und ein positives Bild sei haften geblieben. So ähnlich geht es auch dem Rezensenten mit dem Verfasser, nur mit umgekehrtem Resultat. Der ersten Skepsis über die Vordergründigkeit des Ganzen folgt ein ehrlicher Respekt vor dem soliden Positivismus seiner Historie und am Ende doch die Feststellung, daß alles zu leicht befunden werden müsse.

Kein Zweifel, die Kapitel über den Isolationisten Roosevelt am Anfang seiner Präsidentschaft, den Interventionisten, der die Gefahr der Hitlerschen Aggression früh erkannte, der dritte Abschnitt über Roosevelts realistische Einstellung zu den Vereinten Nationen, die er sich nur als Regiment der Großmächte denken konnte, und die abschließende Charakterisierung des Pragmatikers, der die dominierende Stellung der Sowjetunion in der Nachkriegswelt nicht verhindern konnte und wollte, bieten eine knappe und gut komponierte Erzählung. Aber große Historie ist sie nicht, denn dazu fehlt es dem in seiner unprätentiösen Art so sympathischen Autor eben doch an einem Problembewußtsein, das die Rätsel und Abgründe, die Ungereimtheiten und Fahrlässigkeiten der Rooseveltschen Außenpolitik nicht auszusparen brauchte.

Natürlich kann keine Geschichte je ganz enthüllen, wie es wirklich gewesen ist. Aber so schnell wie Mr. Divine es tut, darf man sich doch wohl nicht auf das bloße Konstatieren guten Willens und formaler Fähigkeiten verlassen. Dazu war Franklin Roosevelts Verantwortung wohl zu groß. Deswegen aber hätte er auch ein intellektuell härteres Anpacken verdient. W.B.