Erst das dritte Buch zeige, was ein Schriftsteller wirklich taugt – ganz falsch scheint mir diese skeptische Ansicht nicht. Sie geht von der Erfahrung aus, daß in der Literatur der erste Schritt keineswegs der schwerste ist. Im Gegenteil: Ein Erstling, der einiges Aufsehen erregt und auch kräftig beklatscht wird, läßt sich noch am ehesten zustande bringen; "in holder Jugendzeit", meint Wagners Hans Sachs, "ein schönes Lied zu singen mocht’ vielen da gelingen: der Lenz, der sang für sie".

Aber der Erfolg reduziert die Selbstkontrolle der meisten Autoren, sie geraten in Euphorie und sind weder zu warnen noch zu bremsen: Sehr schnell erscheint das zweite Buch, und es erweist sich als eine Niete.

Jetzt schwant’s dem Anfänger, daß des Lebens ungemischte Freude keinem Irdischen zuteil ward. Viele der Gestrauchelten entsagen nun der edlen Kunst – wozu sollten sie auch ernste Sachen schreiben, wenn die Kritiker miserabel, die Leser saudumm und die Verleger zynisch und untüchtig zugleich sind?

Derjenige aber, der hartnäckig genug ist, den Kampf doch aufzunehmen, muß sich plötzlich und zu seiner eigenen Überraschung für die Fragen der städtischen Müllabfuhr interessieren. Zum zentralen Möbelstück seiner Wohnung avanciert nämlich der bisher wenig beachtete Papierkorb. Derselbe Autor, dem es einst flink von der Hand ging, wird vorsichtig und unsicher, er verwirft eine Fassung nach der anderen: So rasch das zweite Buch gekommen war, so lange läßt das dritte auf sich warten. Denn auch er weiß, daß jetzt möglicherweise mehr auf dem Spiel steht als der Erfolg einer Publikation; und gerade das hemmt und verkrampft ihn.

Je häufiger dieses Schema in der Praxis widerlegt wird, desto besser für die Literatur. Der bisherige Weg Ernst Augustins allerdings scheint es eher zu bestätigen. Er begann 1962 mit dem Roman "Der Kopf", einem etwas zähen und allzu angestrengten Buch, in dem sich auf eigentümliche Weise epigonale Züge mit originellen mischen. "Der Kopf" wurde von einigen Kritikern überschwenglich gelobt und dann auch preisgekrönt. Prompt folgte – im Jahre 1963 – der fast schon obligate Fehlschlag, der Roman "Das Badehaus", der nur noch epigonal und nicht nur etwas zäh war. Und nun ist nach einer Pause von sieben Jahren – Augustin hat inzwischen nichts veröffentlicht – sein drittes Buch erschienen –

Ernst Augustin: "Mamma", Roman; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 335 S., 20,– DM.

Der erste Satz des neuen Romans lautet: "Da ist ein Gang, der lange Zeit abwärts führt, bis man denkt, das ist das Ende – er führt aber immer noch abwärts, und die drei Männer müssen gebückt gehen." Das klingt bedeutungsvoll, das riecht nach Symbol, das schmeckt nach Parabel. Ob mit diesem langen und abwärts führenden Gang, in dem man nur gebückt gehen kann, gar das Leben gemeint ist?