Wer sich mit moderner deutscher Kunst beschäftigt, hat mehr Gelegenheit, als ihm lieb ist, um immer wieder festzustellen: An vielen schönen einzelnen Katalogen ist zwar kein Mangel (im Gegenteil: Kataloge werden immer mehr zu einem dekorativen Selbstzweck, die Diskrepanz zwischen Anlaß und Aufwand ist oft einfach lächerlich), aber wenn man schnell irgendwo nachschlagen möchte, wann Werner Nöfer geboren ist oder welche Kunstpreise Heinz Mack bisher einsammeln konnte, dann ist es immer das gleiche Elend, dann reichen Nachschlagewerke oder Lexika bis Nolde, allenfalls bis Nay inklusive. Mit einem freudigen "Na endlich!" nimmt man daher das soeben erschienene Buch von

Rolf-Gunter Dienst: "Deutsche Kunst: eine neue Generation"; Reihe DuMont Aktuell, Verlag M. DuMont Schauberg, Köln; etwa 400 S., 20,– DM

in die Hand. Ein sympathisch unaufwendiges Druckwerk im Telephonbuchformat, ein dickes Heft eher als ein Buch, das trotz vieler Abbildungen auch ohne Kupfertiefdruck auskommt, klar gegliedert – das dringend notwendige Handbuch in Sachen allerneuester deutscher Kunst also? Ja und leider nein.

Rolf-Gunter Dienst ist Maler, Kunstkritiker und, zusammen mit Klaus Jürgen-Fischer, verantwortlich für die in Baden-Baden erscheinende Monatsschrift "Das Kunstwerk". Daß ein so vielfach in die Kunst verwickelter Autor keine wertfrei neutrale Darstellung der deutschen Kunstszene liefern kann, ist verständlich, und daß Dienst, glücklicherweise, seine Vorlieben und Abneigungen hat, daß er einen Standpunkt bezieht im Getümmel der Meinungen, weiß der Leser des "Kunstwerk" und seiner früheren Publikationen. Nur: in einem Buch, in dem erklärtermaßen die Kunst der sechziger Jahre vorgestellt werden soll, dürften Vorlieben und Abneigungen des Autors doch wohl nur in dem Maße erlaubt sein, wie die Hauptsache davon nicht berührt, das heißt, die Information dadurch nicht beeinträchtigt wird.

Rund 120 Künstler hat Rolf-Gunter Dienst für die Aufnahme in die "neue Generation" (womit, in etwa, die Generation nach Bissier und Baumeister gemeint ist) akzeptiert, sie werden vorgestellt in einem einleitenden Textteil, der Gruppierungen und Richtungen andeutet, in einem Bildteil und in einem bio-bibliographischen Teil.

Die Zahl 120 ist wohl groß genug, um höchst persönliche Auswahlansichten (die sich besonders als starker Drall nach Südwestdeutschland bemerkbar machen) zu verkraften, sie ist vielleicht groß genug, um auch die Künstler Dienst und Jürgen-Fischer mit einzuschließen, und wenn der Rezensentin mindestens zehn der Vorgestellten bis dato völlig unbekannt waren, so ist es ihr Pech, und wer weiß, wann sie einmal dankbar sein wird dafür, hier etwas über diese Künstler nachlesen zu können. Aber die Zahl 120 ist zu groß für gravierende Auslassungen. Wenn hier zum Beispiel Horst Janssen nicht vorkommt, dann hat das wahrscheinlich weniger mit Diensts Vergeßlichkeit und ganz gewiß nichts mit Janssens Geburtsjahr zu tun (Ferdinand Spindel zum Beispiel ist 16 Jahre älter), sondern damit, daß Dienst von Janssen wenig hält. Nun bleibt es Dienst zwar unbenommen, von Dienst und Spindel mehr zu halten als von Janssen, aber das ist seine persönliche Meinung, für die er weder national noch international viele Parteigänger findet. Und auch das Argument, daß vielleicht die Kunstgeschichtsschreiber in fünfzig Jahren ihm für diese Entscheidung Beifall zollen werden, ist hier noch weniger angebracht denn je: Dieses Buch über die Kunst von heute ist für den Gebrauch von heute, alles andere wäre doch wohl Illusion oder Vermessenheit oder beides zusammen. Und ein Nachschlagewerk über die Kunst von heute kommt nun einmal nicht aus ohne Janssen und Meckseper, Skodlerrak, Alvermann, Bubenik (um, quer durch den Garten, noch ein paar fehlende Namen zu nennen). Weshalb man mit diesem Buch als Nachschlagewerk leider auch nicht auskommt. Petra Kipphoff