Von Gottfried Sello

Mario Ceroli stellt in Essen aus, im Museum Folkwang. Zum erstenmal hat ein Museum ihn solcher Ehre für würdig befunden. Er verdient diese und andere Ehren – obwohl man sich nicht dafür verbürgen kann, daß Mario Ceroli ein "wichtiger" Künstler ist.

Zur Avantgarde gehört er bestimmt nicht, auch wenn diese ihn vor zwei Jahren auf dem Düsseldorfer Prospekt vereinnahmen wollte. Da war er total deplaciert, ein etwas armseliger und munterer Cavallo unter progressiven Wölfen.

Ist Ceroli, weil er zum Avantgardisten kein Talent hat, ein Reaktionär, zumindest ein Traditionalist? Vor dem Museum Folkwang steht sein nachgerade berühmter "Squilibrio", ein monumentales Denkmal, vier Meter hoch und breit, Leonardos Konstruktionsfigur (die ihrerseits auf Vitruv zurückgeht), der Mensch, eingespannt in Quadrat und Kreis, Cerolis Hommage für Leonardo, für die Tradition. Das Menschenbild wird unversehrt und heil durch die Jahrhunderte und Jahrtausende überliefert, Ceroli beweist es, daß die Verknüpfung von Tradition und Gegenwart möglich und legitim ist. Aber Leonardo und sein altrömischer Vorgänger haben kein heiles Menschenbild geliefert, sondern ein konstruktives Modell, das über die Beschaffenheit des Menschen ebenso viel und so wenig aussagt wie eine Gliederpuppe. Ceroli übernimmt das wertneutrale Modell, unverändert, nur daß er es in Kistenholz ausführt, eine winzige und witzige Pointe – Cerolis "Squilibrio" versteht sich als Hommage für Leonardo oder als Persiflage, wer will da säuberlich unterscheiden.

Ceroli ist witzig, boshaft, traditionsbewußt, seriös, nachdenklich, charmant – und alles in Kistenholz.

Ceroli, der das Kistenholz für die Kunst entdeckte, der es salonfähig machte. Warum Kistenholz? Ein Zufall, eine Laune. Bretter lagen im Atelier, Ceroli nahm die Bretter und schnitt ein Gesicht, eine Figur, einen Schmetterling. Es machte ihm Spaß, und er hatte Erfolg, er blieb beim Kistenholz. Ceroli ist genügend intelligent, er beherrscht das zeitgenössische Vokabular, um seine Entscheidung theoretisch abzusichern. Kistenholz involviert ein Bekenntnis zur Arte Povera, ein armes, unscheinbares, verächtliches Material, wer es verwendet, protestiert gegen Wohlstandsgesellschaft und Kommerzialisierung der Kunst. Stein und Bronze assoziieren Reichtum, Feierlichkeit, unzerstörbare Dauer – Holz hat den Geruch der Billigkeit, ein kurzlebiges, alltägliches Material und darum, meinen die Vertreter der Arte Povera, der ideale Werkstoff, um ihre Ideen zu realisieren – obgleich sie mit diesen Überlegungen an der italienischen Realität vorbeiargumentieren. In Deutschland hat Marmor die Qualität des Kostbaren und Seltenen, nicht in Italien, wo der Marmor im Überfluß vorhanden und Holz rar ist. Außerdem arbeitet Ceroli nie mit altem, vergammeltem Holz. Er verwendet neuwertiges Material, das frisch und sauber riecht, rohes Kistenholz, direkt aus dem Sägewerk.

Ceroli ist auch kein Holzfetischist, der aus Prinzip kein anderes Material in die Hand nimmt. In diesem Frühjahr wurde in Rom vor der Nationalbank von Pier Luigi Nervi, dem italienischen Altpionier des Neuen Bauens, Cerolis "Squilibrio" aufgestellt, die erste moderne Plastik in der Ewigen Stadt – nicht in Holz, sondern in Stahl. Unter Cerolis Aufsicht wurden die riesigen Kreissegmente in der Gießerei zusammengeschweißt. Er war froh, diesen großen offiziellen Auftrag zu haben, die Transposition in das andere, ihm angeblich wesensfremde Material störte ihn nicht im mindesten, und er hatte vollkommen recht.

Mit Arte Povera hat Ceroli nichts zu schaffen, und es geht dabei nicht um den Materialwert, den Kistenbretter in Italien präsentieren oder nicht präsentieren. Arte Povera ist keine Frage der Materialität, Arme Kunst meint eine Haltung, ein Konzept. Sie beinhaltet Kargheit, den auf ein Minimum reduzierten Aufwand, ein Nichts oder beinahe Nichts an Thematik, Verdrängung und Verinnerlichung von Realität, Primat der Idee gegenüber dem hergestellten, faktisch präsenten Werk. Dagegen Ceroli, der nicht Ideen, sondern Gegenstände produziert, der eine unglaublich reiche Thematik entfaltet, der nicht Kargheit, sondern eine schlechthin unbegrenzte Fülle postuliert, der alles und jedes spontan in Angriff nimmt, was ihn animiert, was seine Aufmerksamkeit erregt, in der Kunstgeschichte oder in der Realität.

Ceroli zimmert sein "Squilibrio" nach Leonardo, und er zimmert einen Malewitsch, eine ebenso lustige wie prägnante Definition des russischen Konstruktivismus. Ein Mann steht auf der Leiter und betrachtet das Bild, das oben an der Wand hängt, alles in Holz, versteht sich, auch das Bild an der Wand, das Arrangement heißt "Collezionista", der Sammler.

Und so geht es weiter, durch viele Folkwangsäle. Männer und Frauen, im Stil des guten alten Scherenschnitts porträtiert. Der Mann mit dem Schatten, den er auf den Boden wirft. Leute auf der Treppe. Vater und Sohn, die einen Drachen steigen lassen, der Drache ist oben an der Decke festgemacht.

Ceroli demonstriert auch politisches Engagement, nicht ohne deshalb seine ironische Munterkeit abzulegen. In seinem raumfüllenden Environment "China" läßt er die männlichen und weiblichen Silhouetten in Kolonnen aufmarschieren, einzelne Gesichter werden profiliert, aus der anonymen Masse herausgehoben. Totalitarismus und Unterwürfigkeit werden, mit ironischer Unscharfe, anvisiert, die latente Bereitschaft des einzelnen, seine Persönlichkeit, sein Gesicht zu verlieren. Ceroli hat "China" 1966 produziert, es ist eine Reaktion auf Nachrichten von der chinesischen Kulturrevolution.

Das Insistieren auf Kistenholz hat sich für Ceroli bezahlt gemacht. Es ist dieses Material, das ihn profiliert und aus der Masse der Bildhauer heraushebt. Und es verhindert den realitätsbesessenen Künstler, realistische Plattitüden abzuliefern. Die künstlerische Effektivität liegt in der Distanz zwischen dem Gegenstand und seiner zweidimensionierten Reproduktion. Aus dieser Distanz holt Ceroli alles heraus, was die Bretter an hölzernem Charme und Witz und boshaftem Vergnügen hergeben.

Ist Ceroli ein "wichtiger" Künstler? Er versteht es, sein Publikum zu unterhalten, und das ist mehr, als man von vielen "wichtigen" Künstlern sagen kann.