Von Karl-Heinz Wocker

London, im September

Ein paar junge Leute, die ihr etwas zu essen und etwas zu lesen bringen wollten, wurden von den Polizisten des Westlondoner Polizeireviers abgewiesen mit der Erklärung: "Miß Khaled hat alles, was sie braucht." Aber das stimmt nicht, selbst dann, wenn man sein Mitleid mit diesem Mädchen auf ein Minimum reduziert. Ihr fehlt eine ganze Menge.

Leila Khaled wurde als Kind mit ihren Eltern aus jenem Gebiet vertrieben, das bis dahin als ihre Heimat galt und dann "plötzlich", wie sie sagt, "Israel genannt wurde". Ihr fehlt zu ihrem Intellekt die Einsicht, ihn ohne Fanatismus zu nutzen. Sie ist ein Opfer des unseligen Tauziehens um den Nahen Osten, das im Ersten Weltkrieg begann, nicht ohne Mitverschulden der Regierung des Landes, in dessen Haft Leila Khaled am Sonntag vor einer Woche festgenommen wurde.

Leila kam 1945 in Haifa zur Welt, und seit der Emigration in den Libanon hat sie ihre Vaterstadt nur ein einziges Mal wiedergesehen: Am 29. August 1969 von Bord einer amerikanischen Boeing 707, deren Kapitän von ihr soeben gezwungen worden war, nach Damaskus zu fliegen. Neben ihm sitzend blickte sie aus dem Fenster der Kanzel und sah Haifa unter sich. Sie wird es so rasch nicht wiedersehen.

44 Tage wurde sie damals von den syrischen Behörden festgehalten. In dieser Zeit sind viele Bilder von ihr angefertigt worden. Sie ist photogen, wenn auch nicht von der frappierenden Schönheit, die ihr in den ersten Berichten von ihrem zweiten Abenteuer zugeschrieben wurde. Ihre Lippen sind schmal, die Nase ist etwas zu energisch. Aber das sind Maßstäbe, denen Leila Khaled ohnehin nichts abgewinnt. Männerurteile, auf die sie – angeblich – nichts gibt.

Aber all die scharfen Photos, die nach und nach in jedem Flughafengebäude der Welt lagen, führten nicht zur Entdeckung Leilas. Am Samstag, dem 5. September, traf sie sich, wie sie der britischen Polizei später angab, mit einem ihr bis dahin unbekannten Mitkämpfer in Stuttgart. Es war der 27jährige Patrick Joseph Anguello, wohnhaft in Nikaragua, aber von amerikanischer Staatsbürgerschaft. Die beiden fuhren nach Frankfurt und gingen am Tag darauf unerkannt an Bord einer Lufthansa-Maschine nach Amsterdam. Auch dort, wo sie nun freilich bereits Transitpassagiere waren, erkannte niemand in der "Mrs. Diaz" die Entführerin, nicht einmal die Leute der israelischen El-Al-Masdiine, auf die beide umstiegen. Ihre Pässe lauteten auf den Staat Honduras.