Gewiß, es hat schon seine Reize, sich durch die gut 500 Seiten der Neuerscheinung

Alberto Moravia: "Gefährliches Spiel", Roman, aus dem Italienischen von Liselotte Loos; Verlag Kurt Desch, München; 127 S., 22,– DM

hindurchzukämpfen – aber die Reize sind nicht literarischer Natur. Man entdeckt ein Italien, vielmehr ein Rom, das in Deutschland nicht bekannt ist und das auch in der Erinnerung der Italiener erfolgreich verdrängt wurde: das Rom der "weißen Telephone". Die telefoni bianchi waren das Symbol des Kunstkitsches, mit dem in der Zeit des Faschismus in Filmen und rosafarbenen Romanen ein "modernes" Gesellschaftsbild à la Hollywood aufgezäumt wurde! Ein Schlafzimmer mit weißem Telephon, ein Auto mit Chauffeur, lüsterne Damen in schwarzen Abendkleidern, die unentwegt aus langen Zigarettenspitzen rauchen, sich schminken und die Haare färben, sich einen Geliebten halten – daran hat sich einst die Kinoleidenschaft der Italiener entzündet und nicht, wie man immer annimmt, am Nachkriegsneorealismus, wo die bescheidenen oder armseligen, lustigen listigen Leutchen ihr lebendiges Ebenbild zu sehen bekamen.

Die Lektüre des dickleibigen Moravia-Romans "Gefährliches Spiel" ist also ein Besuch in der Vergangenheit, den uns die unersättliche Verlagsindustrie beschert. Anders wäre es nicht zu erklären, warum ein Buch, das vor gut 35 Jahren geschrieben wurde, jetzt in den deutschen Buchhandel gelangt. Auch in Italien wurde es erst 1963, in der kurzen verlegerischen Hochkonjunktur, aus der Mottenkiste geholt, erlebte flugs sieben Auflagen und hinterließ weniger Eindruck als alle die anderen zwei Dutzend Bücher, die Moravia während seiner vierzigjährigen Schriftstellerlaufbahn veröffentlichte.

Moravia ist, wie man weiß, der große Moralist, der Röntgenologe der italienischen Gesellschaft – Gesellschaft im doppelten Sinn, wenn auch die römische Großbürgergesellschaft, die haute volée, ihm mehr Stoff geliefert hat als das popolino, die kleinen Leute. Bei den Großbürgern und Aristokraten und solchen, die es gern werden möchten, isolierte der Diagnostiker Moravia nacheinander gewissenhaft alle Laster: die "Gleichgültigkeit" und die "Verachtung", den "Konformismus", die "Langeweile" (als tedium vitae), die "Trägheit", die "Lüge" und so fort.

Die vielfachen Verkleidungen und Beschönigungen, die Verheerungen der Eigenliebe und des Ehrgeizes sind der Gegenstand dieses frühen Romans. Damals besaß Moravia noch nicht die Kunst des Weglassens, die viele seiner heutigen Geschichten so präzis, prägnant und funktionell macht wie einen Blitzlichtapparat. Damals führte er seine Feder noch eifrig auf umständlichen, ja pedantischen Straßen, um den Egoismus seiner Figuren aufzuspüren, ihre Verquickungen zu flechten und sie schließlich ins Verderben zu bugsieren.

Allesamt – denn Moravia kennt kein Pardon: weder mit dem Journalisten Pietro, der sich selber vormacht, aufrichtig zu sein, aber weder seine gräfliche Verlobte Sofia noch seine Geliebte Andreina wirklich liebt, noch mit der verlebten Marchesa Maria Luisa, die ein übles Ende nimmt, als Andreina sie erwürgt; vor allem Andreinas schöner Busen ist der Tummelplatz der "verfehlten Ehrsüchte" (wie der Originaltitel des Romans heißt). Andreina, ausgehalten vom Marchese Matteo, Maria Luisas Gatten, zur Luxushure geworden, weil als halbes Kind verführt und verlassen, und zwar – o Verquickung des Geschicks! – von Maria Luisas Bruder, der seinerseits wieder Andreinas Dienstmädchen Cacilia... usw.... Auch Carlino, Andreinas Bruder, muß schon mit achtzehn Jahren dran glauben und Maria Luisas Geliebter werden. Man kann sich in dem Labyrinth kaum orientieren (das wäre auch zuviel verlangt in einem Labyrinth), denn auch der ehrbare Professor, Vater der Luxushure und Carlinos und weiterer angeknackster Töchter, ist ein weiterer Symbolträger der Heuchelei...