Von Marion Gräfin Dönhoff

Es ist der Fluch der Gewalt, daß sie fortzeugend Böses muß gebären. Kaum irgendwo anders in der Welt ist in den letzten dreißig Jahren so ununterbrochen Blut geflossen, haben Terror und Gegenterror ein solches Ausmaß angenommen wie im Umkreis jenes Gebietes, das einst das Heilige Land genannt wurde.

Die Engländer waren noch als Mandatsmacht in Palästina, da explodierten dort schon die Bomben auf Marktplätzen und in Kinos, flogen Autos und Häuser in die Luft, terrorisierten die jüdischen Organisationen "Irgun Zwai Leumi" und "Stern" das Land. Dann kam der Krieg von 1949: Die Israelis zerstörten arabische Dörfer, die Araber jüdische – wieder starben unschuldige Zivilisten.

Und dann begannen Austreibung und Flucht der Araber: Viele Hunderttausende, fast eine Million, mußten ihr Land verlassen. Sie überschwemmten die Nachbarländer und wurden dort in Lager gepfercht, die sie nicht verlassen durften, weil das geballte Elend als Zeitbombe für die Rückeroberung Palästinas dienen sollte, so hatten es Nasser und die Führung der arabischen Länder beschlossen.

Ich habe sie gesehen, die Stätten des Elends bei Jericho und in Amman: Im Sommer, wenn die tödliche Hitze über der Wüste brütete und die Fliegen auf den apathischen Kindern hockten. Und im Winter, als der Sturm die Zelte hoch in die Luft wirbelte und sie wie einen Fetzen Papier davontrug. Jahre lagen zwischen diesen beiden Bildern, die sich tief in das Gedächtnis eingegraben haben, Jahre, in denen jene Kinder zu Erwachsenen geworden waren und selber Kinder gezeugt hatten, die wieder dort aufwuchsen, von einer Organisation der Vereinten Nationen schlecht und recht ernährt.

Nun hat die Zeitbombe gezündet: Eine Generation von Anarchisten, die nichts zu verlieren, aber alles zu gewinnen hat, schreckt vor keiner Brutalität mehr zurück. Wer aber ganz ohne Bedenken ist in unserer Welt zerbrechlicher Zivilisation und hochentwickelter technologischer Gesellschaften, dessen schwacher Arm vermag auch die stärkste Organisation zur Ohnmacht zu verdammen – die Technik verleiht ihm die Kraft dazu. Mit der Keule konnte ein Amokläufer nicht viel Schaden anrichten, mit einer Handgranate hätte das arabische Mädchen Leila fast 145 wehrlose Menschen und einen modernen Jet in die Luft gesprengt.

Die Anarchisten der palästinensischen "Volksfront" wollen die Israelis treffen, den westlichen Imperialismus, möglicherweise versuchen sie auch, den amerikanischen Friedensplan zu sabotieren, niemand weiß das genau. Um die ganze Welt läuft jetzt das Wort vom Terror der Araber. Unterscheidungen zwischen den Terroristen und den anderen wird es nun für lange Zeit nicht mehr geben. Das ist das Schlimmste, was einem Volk, einer Nation zustoßen kann. Die Zeitbombe ist in den eigenen Reihen explodiert.