Der Mann, der von Bomben lebt

Von Dietrich Strothmann

Sein Gesicht sieht nicht so aus: Es verrät nichts von der Lust an der Gewalt, von der Besessenheit, Schrecken zu verbreiten, Angst und Furcht. George Habasch, der die Menschen in Angst und Schrecken versetzt, dem Mord nur ein anderes Wort ist für Moral, macht nicht den Eindruck eines Mannes, der blindlings über Leichen geht. Er ist ein Mörder von besonderer Qualität, er setzt die Welt in Schrecken, um sie aufzuschrecken, er ist ein Abenteurer aus Idealismus, einem tödlichen, verbrecherischen Idealismus.

Aber auch das steht nicht in seinem Gesicht geschrieben. Es ist weich, Vertrauen erweckend, Zutrauen einflößend. George Habasch war, ehe er sein Heil in der Bombe suchte, Arzt, pflegte arme palästinensische Flüchtlinge in seiner kleinen Privatklinik, ohne Geld von ihnen zu nehmen; Auch heute, trotz des schwarzen Schnurrbarts und der soldatisch-kurzgeschorenen Haare, sieht er eher wie ein Samariter aus, wie einer, der Schmerzen lindert, nicht sie bereitet. Das Gesicht des Doktor George Habasch aber trügt.

Seit er sich der Sache der Palästinenser mit Feuer und Schwert verschrieben hat, scheut er vor keinem Mord, keinem Verbrechen zurück. Er schickt junge Frauen mit Handgranaten und Pistolen in Flugzeuge, um diese zu kapern; er befiehlt kleinen Jungen, in Brüssel, Bonn, London und Den Haag Bomben zu werfen; er ordnet, wie in Jerusalem, Haifa und Tel Aviv, Sprengstoffanschläge an. Die jüngste Entführung der drei Passagiermaschinen, ihre Sprengung und das Festhalten von 50 Geiseln zum Zweck der Erpressung gehen ebenfalls auf das Konto der "Volksfront zur Befreiung Palästinas" und ihres Anführers Habasch.

Ginge es nach George Habasch, so müßte die halbe Welt in Flammen stehen, um den Palästinensern zu ihrem Recht zu verhelfen. Er will über Leichen gehen, damit sie, die seit zwanzig Jahren in Zelten vegetieren, in Armut und Not, frei und glücklich in ihrer alten Heimat leben können. Was wohl mag den Mann, der gelernt hat, Wunden zu heilen, dazu gebracht haben, daß er sie jetzt anderen zufügt – Unschuldigen und Unbeteiligten? Es bleibt ein Rätsel. Oder ist in ihm ein abgrundtiefer Haß, der ihn dazu bringt, Menschen zu opfern, um Menschen zu retten?

Seine Handlungen beweisen es, seine Parolen bezeugen es – Parolen wie diese: "Wir können die Region in eine Hölle verwandeln." – "Ein toter Jude in Westeuropa ist mehr wert als hundert tote Juden in Israel." – "Wenn wir ein Geschäft in London anstecken, dann wirkt das mehr, als wenn wir in Israel zwei Dörfer in Brand setzen." Mit solchen Drohungen gibt Habasch auch zu erkennen, welche Methoden er verfolgt, welches Ziel er erreichen will: Gegen Israel, zumal gegen Israels Armee, kann er nichts ausrichten, also will er jene terrorisieren, die Israel unterstützen, die Amerikaner vor allem und die Staaten in Westeuropa.

Seine Rache soll ihnen die Augen dafür öffnen, daß sie mitschuldig sind am Leid der Palästinenser. Und er setzt, zum Zwecke seiner teuflischen Schocktherapie, Frauen und Kinder ein, damit der Welt klar wird, wie verzweifelt die Palästinenser sind. Habasch ist ein kühler, berechnender Terrorist. Sein Morden hat Methode.

Der Mann, der von Bomben lebt

Dafür hat er sich den Zorn der arabischen Regierungen und seiner palästinensischen Mitstreiter in den anderen Guerillagruppen zugezogen. George Habasch, von dem mittlerweile alle Welt spricht, zu dem der Papst einen Sonderbeauftragten, das Internationale Rote Kreuz seinen Vizepräsidenten, die Bundesregierung den SPD-Bundesgeschäftsführer schickte, über den der französische Regisseur Jean-Luc Godard einen Film dreht, den die US-Zeitschrift Life interviewte – derselbe Habasch ist unter den meisten Arabern ein Ausgestoßener, ein Verfehmter.

Sein Nebenbuhler Yassir Arafat, Chef der El Fatah und der palästinensischen Dachorganisation PLO, hat ihn aus der Sammlungsbewegung ausgeschlossen. Von Bagdad bis Kairo werden Verdammungsurteile gegen ihn gefällt, Moskau verwirft ihn, Peking straft ihn mit Schweigen. Nur die Palästinenser in den jordanischen Lagern und in den Straßen von Amman feiern ihren neuen Helden. "Jeder von uns ist ein Habasch", sagen sie. Was Nasser nicht schaffte, was Arafat nicht gelang, das erreichte George Habasch: die Welt in Schrecken zu versetzen, damit sie auf das Los der Palästinenser aufmerksam wird, die betroffenen Staaten, vor allem Israel, zu unüberlegten Vergeltungsmaßnahmen herauszufordern, um das Feuer der Revolution zu entfachen.

Denn Israel, die Vernichtung des jüdischen Staates, ist nur eines der Ziele, die Habasch sich gesteckt hat. Und es steht nicht einmal am Anfang seines Planes. So, wie er seinen Rivalen Arafat übertrumpfen will – den er einen "fetten Spießer" schimpft und der ihn als "Weiberhelden" apostrophiert –, so will er alle arabischen "Reaktionäre", ob sie Nasser oder Hussein heißen, zur Strecke bringen, die arabischen Massen mobilisieren und, nach vietnamesischem Muster und mit Maos Bibel im Tornister, einen "Volksbefreiungskrieg" vom Zaun brechen. George Habasch, der kühle, nüchterne Guerilla-Taktiker, will zum Weltrevolutionär aufsteigen, zu einem Lenin des Nahen Ostens.

Doch schon heute, noch ehe er seine erste Schlacht geschlagen hat, ist die Welt gegen ihn. Die Fackel seines Fanatismus wird ihn, ehe er mit ihr einen Weltbrand entfacht, selber versengen.

George Habasch ist der Sohn eines Getreidehändlers, geboren in dem heute israelischen Lod, dem Flughafenort nahe Tel Avivs, erzogen im griechisch-orthodoxen Glauben, ausgebildet an der Amerikanischen Universität in Beirut, Gründer einer anfangs rechtsgerichteten arabischen Nationalbewegung, die später auf nasseristischen Kurs einschwenkte.

Die Niederlage vom Juni 1967, die Einsicht in die Unfähigkeit der arabischen Staaten, Israel in die Knie zu zwingen und den Palästinensern die Heimat zurückzugeben, muß die Wende im Leben von Habasch gebracht haben. Statt Nasser wurde Mao sein Idol, an Stelle revolutionärer Reden wählte er die revolutionäre Aktion, das Skalpell vertauschte er mit der Bombe, seinen Kampfplatz verlegte er vom Nahen Osten in die Städte Westeuropas.

Ihn schert es längst nicht mehr, daß er alle zu Feinden hat. Keine Einsicht in die Grenzen seiner Macht kann ihn mehr davon abhalten, einen dreißigjährigen Krieg zu verkünden. Keine Vernunft läßt ihn erkennen, daß das Verderben, das er anderen bringen will, ihn eines Tages selber vernichten wird.

"Wir sind der Joker im Spiel", redet sich George Habasch ein. "Wenn man bereit ist zu sterben, fühlt man sich hundertmal stärker, als man tatsächlich ist." Das ist nicht die Sprache eines Revolutionärs, eher die eines Mannes, den die Verzweiflung soweit trieb, zu behaupten: Um einen Frieden zu verhindern, wünsche er sich "den dritten Weltkrieg geradezu herbei". Es ist die Verzweiflung, die zum Wahnsinn führt, in den krankhaften Haß, der Gewalt übt ohne Gnade. George Habasch wird, geht er diesen Weg weiter, eines ihrer Opfer sein: kein gescheiterten Revolutionär dann, sondern ein gefallener Rebell.