Dafür hat er sich den Zorn der arabischen Regierungen und seiner palästinensischen Mitstreiter in den anderen Guerillagruppen zugezogen. George Habasch, von dem mittlerweile alle Welt spricht, zu dem der Papst einen Sonderbeauftragten, das Internationale Rote Kreuz seinen Vizepräsidenten, die Bundesregierung den SPD-Bundesgeschäftsführer schickte, über den der französische Regisseur Jean-Luc Godard einen Film dreht, den die US-Zeitschrift Life interviewte – derselbe Habasch ist unter den meisten Arabern ein Ausgestoßener, ein Verfehmter.

Sein Nebenbuhler Yassir Arafat, Chef der El Fatah und der palästinensischen Dachorganisation PLO, hat ihn aus der Sammlungsbewegung ausgeschlossen. Von Bagdad bis Kairo werden Verdammungsurteile gegen ihn gefällt, Moskau verwirft ihn, Peking straft ihn mit Schweigen. Nur die Palästinenser in den jordanischen Lagern und in den Straßen von Amman feiern ihren neuen Helden. "Jeder von uns ist ein Habasch", sagen sie. Was Nasser nicht schaffte, was Arafat nicht gelang, das erreichte George Habasch: die Welt in Schrecken zu versetzen, damit sie auf das Los der Palästinenser aufmerksam wird, die betroffenen Staaten, vor allem Israel, zu unüberlegten Vergeltungsmaßnahmen herauszufordern, um das Feuer der Revolution zu entfachen.

Denn Israel, die Vernichtung des jüdischen Staates, ist nur eines der Ziele, die Habasch sich gesteckt hat. Und es steht nicht einmal am Anfang seines Planes. So, wie er seinen Rivalen Arafat übertrumpfen will – den er einen "fetten Spießer" schimpft und der ihn als "Weiberhelden" apostrophiert –, so will er alle arabischen "Reaktionäre", ob sie Nasser oder Hussein heißen, zur Strecke bringen, die arabischen Massen mobilisieren und, nach vietnamesischem Muster und mit Maos Bibel im Tornister, einen "Volksbefreiungskrieg" vom Zaun brechen. George Habasch, der kühle, nüchterne Guerilla-Taktiker, will zum Weltrevolutionär aufsteigen, zu einem Lenin des Nahen Ostens.

Doch schon heute, noch ehe er seine erste Schlacht geschlagen hat, ist die Welt gegen ihn. Die Fackel seines Fanatismus wird ihn, ehe er mit ihr einen Weltbrand entfacht, selber versengen.

George Habasch ist der Sohn eines Getreidehändlers, geboren in dem heute israelischen Lod, dem Flughafenort nahe Tel Avivs, erzogen im griechisch-orthodoxen Glauben, ausgebildet an der Amerikanischen Universität in Beirut, Gründer einer anfangs rechtsgerichteten arabischen Nationalbewegung, die später auf nasseristischen Kurs einschwenkte.

Die Niederlage vom Juni 1967, die Einsicht in die Unfähigkeit der arabischen Staaten, Israel in die Knie zu zwingen und den Palästinensern die Heimat zurückzugeben, muß die Wende im Leben von Habasch gebracht haben. Statt Nasser wurde Mao sein Idol, an Stelle revolutionärer Reden wählte er die revolutionäre Aktion, das Skalpell vertauschte er mit der Bombe, seinen Kampfplatz verlegte er vom Nahen Osten in die Städte Westeuropas.

Ihn schert es längst nicht mehr, daß er alle zu Feinden hat. Keine Einsicht in die Grenzen seiner Macht kann ihn mehr davon abhalten, einen dreißigjährigen Krieg zu verkünden. Keine Vernunft läßt ihn erkennen, daß das Verderben, das er anderen bringen will, ihn eines Tages selber vernichten wird.

"Wir sind der Joker im Spiel", redet sich George Habasch ein. "Wenn man bereit ist zu sterben, fühlt man sich hundertmal stärker, als man tatsächlich ist." Das ist nicht die Sprache eines Revolutionärs, eher die eines Mannes, den die Verzweiflung soweit trieb, zu behaupten: Um einen Frieden zu verhindern, wünsche er sich "den dritten Weltkrieg geradezu herbei". Es ist die Verzweiflung, die zum Wahnsinn führt, in den krankhaften Haß, der Gewalt übt ohne Gnade. George Habasch wird, geht er diesen Weg weiter, eines ihrer Opfer sein: kein gescheiterten Revolutionär dann, sondern ein gefallener Rebell.