Hollywood weiß sich zu helfen. Die kranke Filmstadt hat aus den Welterfolgen "Easy Rider", "Flesh", "Midnight Cowboy" sowie "Alice’s Restaurant" gelernt und schnell zwei Patentrezepte daraus abgeleitet: Junge Regisseure – oder Themen für ein junges Publikum, für die rund siebzig Prozent amerikanischer Kinobesucher unter fünfundzwanzig Jahren. Die neuen Regisseure – neben Peter Fonda, Dennis Hopper und Andy Warhol, die jeweils im Auftrag Hollywoods einen neuen Film drehen – heißen zum Beispiel Michael Same ("Myra Breckinridge), Stuart Hagmann ("The Strawberry Statement"), George Lucas ("TXH 1138") oder Paul Williams ("The Revolutionary" und sind alle unter dreißig; die neuen Themen sind, neben Korrekturversuchen bekannter Genres, vor allem Sex, rührende Liebesgeschichten, Sozialkritik und die Studentenrebellion.

Der Campus hat sich inzwischen als besonders attraktiver Drehort erwiesen, eine eigene Ästhetik der Revolution, des Protestes, der drop-outs hat sich herausgebildet. Die Filme von Hagman und Williams behandeln wie der jetzt angelaufene "Getting Straight den Aufstand an einer amerikanischen Universität.

Harry, achtundzwanzigjähriger Student der Literaturwissenschaft und Pädagogik, will nichts mehr wissen von Reformen und Protesten, sondern paukt verbissen für sein Lehrerexamen. Er steht zwischen den Generationen und zwischen den Parteien, sympathisiert noch mit den Aktionen der Kommilitonen und paktiert schon mit seinen Prüfern und künftigen Kollegen. Erst als er im Examen das veraltete, skurrile Bildungswesen am eigenen Leibe erfährt, macht er die Szene zum Kabarett und stellt sich wieder auf die Seite der Studenten. Welche Haltung des Helden mit dem Titel gemeint ist (etwa: Zurück zum rechten, geraden Weg....), darf der Zuschauer selbst entscheiden.

Der Film verharmlost und verniedlicht den Aufstand. Die Professoren reden, als habe es die letzten zehn Jahre nicht gegeben, von "Haltung und Disziplin", sie beschwören Ordnung, Gesetz, Tradition, die Nation und das Volk, das Führung brauche. Dem setzen die Studenten mit (jedenfalls in der deutschen Synchronisation) kindlich krähenden Stimmen und in einem lächerlichen Soziologisch ihre Schlagworte von Haschisch bis Vietnam, von sexueller Freiheit bis zur Mitbestimmung am Lehrplan entgegen.

Ihre Demonstrationen gleichen einer Werbeveranstaltung der Heilsarmee, schlagen aber plötzlich ohne ersichtlichen Grund um in eine lange, brutale, emotionalisierend gedrehte Schlägerei mit der Polizei. Es wird nicht einmal ersichtlich, warum die Revolte ausbricht: die Existenz militärischer Ausbildungszentren auf dem Gelände jeder mit Bundesmitteln unterstützten amerikanischen Universität geht unter in einem verklausulierten Nebensatz.

Der Schluß des Films: die lustvolle Zertrümmerung der Universität und eine Massenprügelei mit den feisten "pigs", eine Orgie aus Knüppeln, Uniformen, zerfetzten Kleidern, entblößtem Fleisch und Blut – ein überzeugender Beleg für die vorher geäußerte zynische These, solch ein Aufstand sei vor allem sexy, das Stoßen, Zerren und Prügeln in der Menge sei gut zum Antörnen, eine Ersatzbefriedigung im Grunde.

Nicht weniger spekulativ und verlogen ist die Machart des Films, die kunstgewerbliche Bildführung des "Easy Rider"-Kameramanns Laszlo Kovacz, der effektvolle Schnitt, die wohldosierten clownesken Einlagen oder die schlagfertigen Dialoge, ungewöhnlich für Hollywood in ihrer schlaksigen sexuellen Freizügigkeit ("Ich hab’ da so’n duften schwarzen Zahn, die bumst gern mit Intellektuellen!"), typisch für Hollywood in ihren an Tennessee-Williams- und Albee-Verfilmungen geschulten melodramatischen Auseinandersetzungen und Brüll-Arien.