Aus einem Gefängnis in Saö Paulo haben neun brasilianische Dominikaner folgenden Brief nach Europa übermitteln können, der gemeinsam mit anderen Gefangenen verfaßt wurde:

"Wir leben in einem Land, in dem von 1000 geborenen Kindern 125 sterben, bevor sie ein Jahr alt geworden sind; und in der Provinz Rio Grande do Norte steigt diese Zahl auf 525, das heißt, auf mehr als die Hälfte ...

Seit 1964 erleben wir ein Ausnahme-Regime, das immer gewalttätiger wird. Es gibt nicht die geringste Möglichkeit der Opposition gegen die Regierung. Opponenten werden unverzüglich zum Schweigen gebracht, verhaftet, gefoltert, und viele unter ihnen wurden getötet. Die Furcht geht um ... Frauen werden von den Folterknechten geschändet, Kinder erhalten Elektroschocks, viele sind verblödet. Nordamerikanische Agenten helfen bei den Torturen. Niemand kann sich auf seinen Nächsten verlassen. Überall gibt es Spione und Zuträger, selbst in der eigenen Familie. All das ist das Werk der Regierung...

Die Christen werden verfolgt: zahlreiche Laien, Priester und selbst Bischöfe nimmt die Unterdrückung aufs Korn. Sie füllen die Gefängnisse; die Korrespondenzen von Priestern und Bischöfen werden zensiert, ihre Predigten registriert, ihre Versammlungen ausspioniert Die Wahrheit kann nicht mehr gepredigt werden: den Gläubigen ist es verboten, sie zu hören. Das Evangelium wird subversiv...

Schließlich widerspricht das gegenwärtige brasilianische RegimePunkt für Punkt allen Prinzipien von gaudium et spes. Die Rechtsprechung unseres Landes ist entartet, Freiheit existiert nicht mehr, das Volk wird mit Füßen getreten, erniedrigt, unterdrückt. Es wird Zeit, darüber zu sprechen; es wird allerhöchste Zeit zu handeln ...

Wir können nicht tatenlos zusehen, wie Brasilien durch Zwang vernichtet wird. Es ist unsere Pflicht, gegen solche Zustände anzukämpfen. Als Christen können wir uns nicht dieser Aufgabe entziehen, bis das Volk wieder frei ist. Die Theologie gestattet voll und ganz dieses Recht auf einen gerechten Krieg...

Man hat uns keine andere Wahl gelassen. Getrieben von der Liebe zu unseren Brüdern ... haben wir die Verpflichtung auf uns genommen, mit dem Volk an der Befreiung mitzuwirken, in vollem Bewußtsein der Risiken, die in einem Klima des Terrorismus damit verbunden sind – eines Terrorismus, der von der Gewalttätigkeit der Militärdiktatur geschaffen wurde."