Von Liebe war nie die Rede bei Dr. William Masters, dem amerikanischen Gynäkologen und Sex-Wissenschaftler mit internationalem Renommee, dafür aber um so mehr davon, wie man sie betreibt. Zusammen mit Mrs. Virginia Johnson, die er 1954 beim Chorsingen kennengelernt hatte und die bis zu diesem Tag von Medizin und Psychologie sehr viel weniger verstand als von Hausputz und Gartenpflege, untersuchte er in seinem Institut in St. Louis, Missouri, rund 10 000mal stattfindende Liebe und notierte gewissenhaft die Ergebnisse seiner Beobachtungen. Mit Hilfe von Miniaturkameras und Meßinstrumenten für Herzschlag, Blutdruck, Puls und Atmung registrierten Masters und Johnson, was sich wodurch wann wie verändert, wenn die Testpaare sich auf ihre kabelgeschmückten Liebeslager begaben und in wissenschaftlich sanktionierte Wallung gerieten. Für die Ergebnisse dieser Buchführung, 1966 unter dem Titel "Human Sexual Response" (zu deutsch: Die sexuelle Reaktion) veröffentlicht, interessierten sich allein in Amerika 300 000 Buchkäufer.

Nachdem Masters und Johnson der Frage "Wie funktioniert die Liebe?" so erfolgreich auf die Spur gekommen waren, konnten sie zuversichtlich darangehen, diese Ergebnisse für die viel wichtigere Frage "Wie und warum funktioniert die Liebe so oft nicht?" nutzbar zu machen. Seit rund 10 Jahren können Ehepaare und alleinstehende Herren (alleinstehende Damen werden nicht angenommen), die die nackte Wahrheit über ihre sexuellen Defekte zu hören gewillt sind, sich im Institut in St. Louis zum Preis von 5000 Mark pro Person zu einer einschlägigen Behandlung anmelden. Wer in 14 Tagen das Know-how der Liebe nicht kapiert, der wird als unheilbar entlassen. Wem jedoch der Weg nach St. Louis zu weit ist, der kann sich seit kurzem auch in der Heimbehandlung versuchen, denn seit ein paar Monaten zieren wiederum Masters und Johnson die amerikanischen Bestsellerlisten: In ihrem Buch Human Sexual Inadequacy berichten sie detailliert von dem therapeutischen Programm, mit dessen Hilfe sie ihren Patienten Impotenz und Frigidität austreiben. Denn, so sagt Dr. Masters, "der Hauptgrund für die Scheidung ist im sexuellen Versagen zu suchen".

Ob Mrs. Elizabeth Masters auch davon sprach, als sie nach 27 Ehejahren an des Forschers Seite die Scheidung einreichte, weiß man nicht. Die Tatsache jedoch, daß diese Ehe jetzt getrennt wurde, spricht zumindest dafür, daß Dr. Masters, frei nach dem Motto "Dienst ist Dienst, und Sex ist Sex", scharf zu unterscheiden wußte zwischen Wissenschaft und Intimsphäre, und nicht, was nahegelegen hätte, seinen Beruf im Privatleben mißbrauchte. Besorgt wird man allerdings, wenn man erfährt, daß auch Mrs. Johnson bereits eine gescheiterte Ehe hinter sich hat (sie wechselte schon 1956 von der traurigen Praxis zur fröhlichen Theorie über). Wenn an den Gerüchten, die besagen, daß Mr. Masters und Mrs. Johnson an eine standesamtliche Untermauerung ihrer Forschergemeinschaft denken, etwas dran ist, dann kann man nur hoffen, daß sie im eigenen Falle nun auch vor der prophylaktischen Anwendung ihrer Erkenntnisse nicht zurückscheuen und so ihrer Ehe von vornherein ein solides Fundament geben. Ewiggestrige könnten sonst behaupten, daß die Liebe eben doch eine Himmelsmacht sei. Petra Kipphoff