Seit Sonntag vergangener Woche hält eine fanatische Gruppe von 4000 Mann die ganze Welt in Atem. Die "Volksfront zur Befreiung Palästinas" (PFLP) hielt Mitte dieser Woche noch immer etwa 50 der entführten Flugzeugpassagiere als Geiseln gefangen – ungeachtet einer Resolution des Weltsicherheitsrates und unbekümmert um israelische Drohungen und Vorhaltungen der arabischen Regierungen.

Auf dem "Flughafen der Revolution", dem jordanischen Wüstenflugplatz Zerka in der Nähe von Amman, hatten Freischärler die entführten drei Verkehrsflugzeuge (eine Boeing 707 der TWA, eine DC-9 der Swissair und eine VC-10 der BOAC im Gesamtwert von rund 100 Millionen Mark) in die Luft gesprengt. Zuvor waren Passagiere und Besatzungsmitglieder nach Amman gebracht worden. Nach mehreren qualvollen Tagen in der Gluthitze der Wüste, zermürbt von der Ungewißheit ihres Schicksals, durften alle bis auf etwa 50 mit Chartermaschinen Amman verlassen.

Nach Ablauf des um 72 Stunden verlängerten Ultimatums lehnte die "Volksfront" weitere Verhandlungen über die restlichen Geiseln ab. Die Israelis verhafteten daraufhin im besetzten arabischen Gebiet mehrere Hundert mutmaßliche Angehörige oder Freunde der PFLP. Sie drohten den Partisanen, die Todesstrafe über die Verhafteten zu verhängen, falls den Geiseln etwas zustoße.

Nach wie vor will die PFLP ihre Geiseln (Juden, Amerikaner, Engländer und zwei Deutsche) nur im Austausch gegen die sieben in Europa inhaftierten Partisanen und eine unbestimmte Zahl arabischer Gefangener in Israel freigeben. Dagegen wollen die betroffenen Regierungen in Bonn, Bern und London die Inhaftierten nur freilassen, wenn ausnahmslos alle Geiseln eingelöst werden.

Auf Ersuchen der Schweiz, der Bundesrepublik und der USA verhandeln Vertreter des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes direkt mit den Freischärlern. Außerdem hat die Schweiz ihre Botschafter in Beirut und Kairo zu Verhandlungen mit der PFLP ermächtigt. Mit Billigung der Regierung fuhr der SPD-Bundesgeschäftsführer Wischnewski nach Amman; Papst Paul VI. schickte seinen Sonderbeauftragten Monsignore Rodhain als Unterhändler.

Wegen der Sprengung der drei gekaperten Verkehrsmaschinen hat das Zentralkomitee der palästinensischen Befreiungsfront (PLO), der Dachverband aller arabischen Partisanengruppen, die PFLP wegen Mißachtung von Befehlen des Zentralkomitees aus dem Verband ausgeschlossen. Auch die hartnäckige Weigerung der PFLP, die restlichen Geiseln weiterhin nicht freizugeben, wurde von der PLO verurteilt.

Auf allen internationalen Flughäfen in Europa und den USA werden Passagiere und Gepäck jetzt scharf kontrolliert. Die Maschinen der internationalen US-Fluglinien sollen mit bewaffneten Sicherheitsbeamten besetzt werden. Bis Ende des Jahres sind dafür 4000 Mann vorgesehen. Pro Kopf rechnet man mit rund 20 000 Dollar jährlicher Ausgaben. Der Londoner Versicherungsmarkt hat für die Zukunft Flugzeugversicherungen abgelehnt: Zum erstenmal in der Geschichte des Flugverkehrs ist eine Versicherungsgesellschaft so drastisch vorgegangen.