Wer sitzt im Elfenbeinturm? So heißt ein Essay von Ludwig Marcuse, in dem es die folgende Stelle gibt: "Keine Spezies von Türmen hat aber soviel Aufmerksamkeit gewonnen wie der aus Elfenbein; wenn auch heute nur noch ein einziger von Ruhm beglänzt ist – und der ist ein Schlagwort. Die anderen gehören zu den ehrwürdigsten Antiquitäten." Marcuse ging der Tradition des Elfenbeinturms nach, er entdeckte seine erlauchten Bewohner und fand Zitate: "Ich sehnte mich nach dem Elfenbeinturm, war begierig, mich in selbstischer Seligkeit einzuschließen" (Oscar Wilde, 1895) und: "Der Poet, der sich in den Elfenbeinturm zurückgezogen hat, nach seinem Wunsch, ähnelt dem Lynkeus in einem Leuchtturm" (Rüben Dario, 1900).

Zu den Elfenbeintürmern zählte aber auch Albert Camus, der seinen Aufenthalt in diesem Turm, "wo Träumer meiner Sorte kontemplieren, ohne jedes Interesse für die nicht gutzumachenden Verbrechen der Bourgeoisie", zu verteidigen wußte. Und Ludwig Marcuse rechtfertigte den vielbeschriebenen Turm ("Die Ästhetik gegen den Elfenbeinturm ist die Ästhetik der permanenten Fron") auf diese Weise: "Vor dem Elfenbeinturm liegt ein Heer von Verantwortungslosen. In ihm aber sitzen heute viele Glanzlose, die sich das Urteilen schwermachen – und Ausdruck zu geben suchen der lebenden Problematik, den Leiden und auch der Sehnsucht aller, die nicht das göttliche, das tausendjährige, das klassenlose und das humanistische Reich abwarten können, weil sie bei ihrem Advent nicht mehr da sind."

Marcuses lesenswerter Essay verteidigt ein Turmsymbol, das sich aus dem Hohenlied Salomonis ableitet: "Dein Hals ist wie ein Turm aus Elfenbein." Und: "Dein Hals ist wie der Turm Davids, mit Brustwehr gebaut, daran tausend Schilde hangen und allerlei Waffen der Streiter." Daran anknüpfend pries das Christentum die Jungfrau Maria als "Turm Davids, du elfenbeinener Turm", was seinen künstlerischen Niederschlag in den "turres eburneas" fand, den turmartigen elfenbeinernen Hostienbehältern des Mittelalters, und – konsequent weitergeführt – in den turmhaften Sakramentshäuschen der Kathedralen (das im Ulmer Münster ist 26,2 Meter hoch).

Türme haben seit Jahrhunderten die Künstler und Dichter fasziniert. Neuerdings auch einen Sachbuchautor –

Ulrich Schmidt: "Treppen der Götter – Zeichen der Macht"; Econ Verlag, Düsseldorf; 348 S., Abb., 20,– DM.

Über fünfzig Turmbilder hat er zusammengetragen, Dutzende von Turmanekdoten, Turmlebensläufe, Turmdichtungen, Fachliteratur: ein Narr, der in Türme vernarrt ist und sie sammelt wie andere Briefmarken, ein Turmschwärmer, der seinen Enthusiasmus auf Buchseiten fixiert und erwartet, daß andere das mit ähnlichem Enthusiasmus auch lesen werden.

Warum auch sollte die Vielfalt der Turmerscheinungen nicht ein Buch provozieren? Stolz, Schutz, Sicherheit, Hilfe, Hochfahrenheit, Mißtrauen, Macht, Spieltrieb, Mythos: Begriffe, die sich dem Turm verbinden. Ob Luthers "Turmerlebnis", ob Goethes Lynkeus – keine Form der Architektur, in der sich menschliche Eigenschaften vielfältiger konkretisiert hätten, auch im Material: neben Holz, Granit, Beton, Stahl auch Porzellan, so eine 1413 erbaute, 1861 zerstörte 84 Meter hohe Pagode bei Nanking. Und Schädel: ein 1809 von den Türken bei Nisch (Jugoslawien) errichteter Triumphturm aus den Köpfen von 952 Serben.