Die Gespensterwelt des Hans Magnus Enzensberger

Von Hans Mathias Kepplinger

In den nächsten Tagen erscheint im Walter-Verlag (Olten und Freiburg) von dem jungen Soziologen Hans Mathias Kepplinger das Buch "Rechte Leute von links – Gewaltkult und Innerlichkeit", das sich vor allem mit Hans Magnus, Enzensbergers kritischen Aufsetzen, Polemiken und Theorien auseinandersetzt. Der hier abgedruckte Aufsatz ist ein Kapitel dieses Buchs.

Gesellschaftstheorien können zumindest zwei sehr verschiedene Absichten erfüllen: Sie können die gesellschaftliche Wirklichkeit möglichst genau beschreiben und klassifizieren oder aber die gesellschaftlichen Ziele erwägen und darstellen. Beide Theorien sind legitim und notwendig. Beide Theorien enthalten unter Umständen eine Kritik der Realität. Die Bedingungen dieser Kritik sind jedoch in beiden Fällen verschieden.

Gesellschaftstheorie als Utopie kann entweder als reine Utopie verstanden werden, als eine Utopie, die zwar die besseren Möglichkeiten menschlicher Existenz aufbewahrt und als Ziel vor Augen führt, zugleich jedoch zu erkennen gibt, daß sie in absehbarer Zeit nicht realisierbar ist – hierzu würde ich die Religion rechnen; oder aber sie wird als konkrete Utopie verstanden, die die besseren Möglichkeiten vor Augen führt und zugleich zu ihrer Verwirklichung aufruft. Im ersten Fall ist es nicht nötig, die Realisierbarkeit der Utopie nachzuweisen, im zweiten Fall müssen Realisierbarkeit und Wege der Realisierung zumindest glaubhaft gemacht werden.

Gesellschaftstheorie als Beschreibung und Klassifikation muß erstens tatsächlich die Gesellschaft und nicht irgendeine als Gesellschaft ausgegebene Fiktion beschreiben und klassifizieren und zweitens bei der positiven oder negativen Beurteilung der erfaßten Realität realitätsgerechte Maßstäbe anwenden, wobei "realitätsgerecht" hier nichts anderes heißt, als daß die gesellschaftliche Realität ihnen auch gerecht werden kann. "Gut kann in der Politik überhaupt nur das Mögliche sein, nicht aber das Unmögliche, sei es auch noch so ideal." Der Kritiker politischer Praxis darf daher legitimerweise immer nur feststellen, daß das sittlich Geforderte entweder überhaupt nicht erstrebt oder aber durch schuldhaftes Versagen der Beteiligten verfehlt wurde. Er darf, mit anderen Worten, kritisieren, daß das Mögliche nicht verwirklicht wurde, er darf jedoch nicht im Namen der Moral das Unmögliche gegen das Mögliche ausspielen.

Hans Magnus Enzensbergers Essays enthalten sowohl utopische Elemente im Sinne einer reinen Utopie – er fordert eine Revolution, die sich grundsätzlich von all ihren Vorgängern unterscheidet, er erwartet das "Heil" und eine "ferne Erlösung" – als auch Beschreibungen und Klassifizierungen. E. trennt jedoch weder beide Bereiche, noch unterwirft er seine Beschreibungen und Klassifizierungen den intellektuellen Bedingungen dieser Gesellschaftstheorie. Er beschreibt vielmehr meist extreme Zustände oder Theorien, die er als den "eigentlichen" Charakter der Realität ausgibt, und spielt dabei, ohne daß er die Maßstäbe seiner Kritik deutlich machen würde, mit besonderer Vorliebe Ideale gegen die Realität aus.