Von Peter Bender

Die Lage Bulgariens ist anders als die Rumäniens. Bulgarien grenzt an zwei Nato-Länder, Griechenland und die Türkei. Es reicht zwar nirgends ans Mittelmeer, ist aber von der Ägäis-Küste nur wenige Panzermarsch-Stunden entfernt und den Dardanellen dicht benachbart. Von den Folgerungen, die man in Sofia aus dieser Lage zieht, ist eine klar: Offizielle, private wie ausländische Beobachter stimmen überein, daß Bulgarien in den sechziger Jahren bis an die Grenze des Vertretbaren gegangen ist, um sein Verhältnis zu Athen und Ankara zu normalisieren – und zwar mit Erfolg. Selbst die Beziehungen zu den griechischen Obristen sind korrekt, und man glaubt sich in Sofia sicher zu sein, daß weder Griechen noch Türken Bulgarien bedrohen.

Zweifel werden jedoch laut, ob nicht aus der Nato-Mitgliedschaft beider Länder Gefahren für Bulgarien entstehen können: "Fast alle Konflikte auf dem Balkan wurden von den Großmächten angestiftet und endeten zum Vorteil der Großmächte." Natürlich läge es für Sofia nahe, sich so weit von der Sowjetunion zu lösen, daß es sich aus möglichen Konflikten zwischen Amerikanern und Russen auf dem Balkan und im Mittelmeer heraushalten kann. Doch Sofia sind engere Grenzen gesetzt als Bukarest: "Wenn es in Bulgarien eine Entwicklung gegeben hätte wie in Prag nach dem Januar 1968 – bei uns wären die Sowjets schon im Februar einmarschiert." So übertrieben das sein mag – für die strategischen Interessen Moskaus ist Bulgarien zweifellos sehr wichtig: als Sprungbrett zur Ägäis und zu den Dardanellen, als Basis gegenüber Jugoslawien und als Klammer gegen Rumänien.

Aber auch wenn die bulgarische Führung könnte und selbst wenn man die Pakte auflöste, auf den Fortbestand des zweiseitigen Vertrages mit Moskau würde Sofia vermutlich bestehen. "Wir sind ein kleines Land", heißt es, "das zwar die Schlachten immer gewonnen, die Kriege aber immer verloren hat. Ohne Rückhalt an einer Großmacht gibt es für uns keine Sicherheit." Dafür kam nach dem Krieg überhaupt nur die Sowjetunion in Betracht. Sie besetzte das Land und half den Kommunisten zur Macht.

Doch das reicht als Erklärung nicht aus. Für Bulgarien ist die Sowjetunion der fast ideale Verbündete. Beide Länder haben keine gemeinsamen Grenzen und keine historischen Streitigkeiten. Bulgarien wurde vielmehr durch Rußland von den Türken befreit; seitdem bestehen sentimentale, (zeitweise unterbrochene) politische und neuerdings enge wirtschaftliche Beziehungen, von denen die Bulgaren den weitaus größeren Vorteil haben. Sie sind eine Art Vorzugskind der Russen, und wenn Todor Schiwkoff – was recht oft vorkommt –, nach Moskau fährt, sagt man in Sofia: "Er geht wieder betteln."

Noch schwerer als anderswo sind in Sofia die Motive für Bindung und Bündnis mit der Sowjetunion zu entwirren: die Frage der inneren und äußeren Sicherheit spielt zweifellos eine Rolle; doch mindestens ebenso stark wirken der Zwang der Verhältnisse und die Möglichkeit, mit russischer Hilfe das Land zu industrialisieren. So satellitenhaft sich die bulgarische Führung – übrigens oft zum Ärger ihrer Bevölkerung – benimmt, man sieht nur die Oberfläche, wenn man vergißt, daß es sich um einen sehr berechnenden Satelliten handelt. Der Nutzen überwiegt hier wahrscheinlich die Notwendigkeit.

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