"Stalinismus und Bürokratie" von Leo Kofler. Die marxistische Stalinismus-Kritik hat in Leo Kofier einen ihrer führenden und noch viel zu wenig gewürdigten Vertreter. Der Neudruck seiner 1952 geschriebenen Essays über Theorie und Praxis der stalinistischen Bürokratie in der neuen Sammlung Luchterhand ist notwendig und verdienstvoll, wiewohl nicht ohne Pikanterie und persönliche Tragik, da Kofler zugleich recht und unrecht behalten hat: Der von ihm vorausgesagte Prozeß der Entbürokratisierung und Entdogmatisierung ist eingetreten, zugleich strebt der östliche Kommunismus einem neuen Tiefpunkt zu, der die Ablösung des Praktizismus, des von Koffer so genannten "Puritanismus" und des "romantischen Realismus" verhindert. Seine Nachschrift von 1967 ist äußerst lehrreich; sie weist nach, daß die chinesische "Kulturrevolution" in Wahrheit eine "Wiederholung des stalinistischen Aktes der Einsetzung der Geistesbürokratie ist, auch wenn sie sich des "Plebiszits der geschickt aufgerufenen Jugend" bedient. Koflers Grenzen werden erst sichtbar in der Einschätzung der Stalinschen Schrift "Über den Marxismus in der Sprachwissenschaft" – zwar deckt er Stalins mechanistischen Materialismus auf, aber er erkennt nicht, daß die herkömmliche Basis-Überbau-Theorie zu eng ist, um dem Phänomen der Sprache überhaupt gerecht zu werden. (SL 6, Luchterhand Verlag, Neuwied; 184 S., 7,80 DM)

Martin Gregor-Dellin

"Die sieben Minuten", Roman von Irving Wallace. Weniger ein Roman, mehr eine gewaltige Fleißarbeit zum Problem der obszönen und pornographischen Literatur, ausgelöst durch einen Prozeß gegen einen – fiktiven – umstrittenen Roman. Um das Thema anzureichern, hat der Autor die Fäden so geschürzt, daß ein scheinbar durch das "unanständige" Buch angeregtes Notzuchtverbrechen die literarische Auseinandersetzung zur moralischen Fehde steigert. Kirche und Politik mischen sich ein, und die Liebe des Verteidigers jenes Buches wird auf die Probe gestellt, so daß der Autor alles anbringen und zitieren kann, was ihm seine Vorarbeiten eingebracht haben. So ist eine Art von erzählendem Sachbuch entstanden, das wie viele seines Genres an der bloßen Stichwort-Funktion der Helden krankt. Immerhin wird die Spannung durch die geheimnisvolle Person des Porno-Autors aufrecht gehalten, der nicht so tot ist, wie es die ersten Zeugen der Anklage behaupten. Ein gründliches Buch, streckenweise ermüdend bis langweilig, doch immer wieder faszinierend durch Wallace’s konsequente Beweisführung gegen Spießertum, Selbstgerechtigkeit und gegen die Grausamkeit der "Normalen". Wallace und sein Roman-Anwalt gewinnen zwar ihren Prozeß, doch Wallace hat seine aufrechten Bürger so verheerend echt geschildert, daß man weiß: seine Argumente wird man dort und bei uns immer wieder brauchen. (Verlag Droemer Knaur, München; 576 S., 26,– DM) Sybil Gräfin Schönfeldt