Die Diskussion um den deutsch-sowjetischen Vertrag und die Bonner Ostpolitik innerhalb der CDU ist abgeflaut. Nach den ersten vertraulichen Gesprächen zwischen Bundeskanzler Brandt und dem CDU/CSU-Fraktionsführer Barzel hat sich die vom Bundesvorstand der CDU schon früher beschlossene Auffassung durchgesetzt, eine endgültige Entscheidung von den Ergebnissen der Berlin-Verhandlungen Und den noch folgenden Gesprächen zwischen Regierung und Opposition abhängig zu machen. Nachdem mehrere CDU-Politiker eine positivere Haltung gegenüber dem Vertrag gefordert hatten, schloß auch der CDU-Vorsitzende Kiesinger trotz weiter bestehender Bedenken ehe mögliche Zustimmung seiner Partei nicht mehr generell aus.

Chancen für eine zumindest begrenzte Zusammenarbeit mit der Opposition in der Ostpolitik sieht auch der SPD-Fraktionsvorsitzende Wehner, nachdem die CSU-Landesgruppe im Bundestag trotz massiver Vorwürfe den Vertrag nicht ganz und gar abgelehnt hat. Die Regierung hat der Opposition ein "Berlin-Papier" zugestellt, das die Vorstellungen Bonns und der drei Westmächte zu einer Berlin-Regelung enthält.

Am Wochenende wild die sogenannte Direktorenkonferenz, der leitende Beamte aus den Außenministerien der Westmächte und der Bundesrepublik angehören, die Marschroute für das nächste Botschaftertreffen festlegen. Voraussichtlich am 30. September werden sich die Botschafter der USA, Englands, Frankreichs und der UdSSR wieder zusammensetzen. Regierung und Opposition in Bonn erwarten nach der Vertragsunterzeichnung ein Entgegenkommen Moskaus. Nicht überwunden sind die Differenzen bei den deutsch-polnischen Gesprächen, Die sechste Gesprächsrunde wurde sowohl aus innenpolitischen Rücksichten bei der FDP als auch wegen unannehmbarer politischer Wünsche vertagt. Es konnte weder eine Übereinstimmung in der Grenzformel noch in der Frage humanitärer Erleichterungen (Familienzusammenführung) gefunden werden, die nach Bonner Auffassung mit einem Vertrag parallel gehen müßte,

Warschau beharrt auf Vertragsformulierungen, die auf eine endgültige deutsche Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze hinauslaufen. Nach Bonner Auffassung muß diese Festlegung einem Friedensvertrag vorbehalten bleiben. Ein nach Warschauer Vorstellungen ausgehandelter Vertrag werde bei den Alliierten auf Widerstand stoßen.

Die Bundesregierung rechnet noch mit "schwierigen Verhandlungen", die aber nach ihrer Auffassung noch in diesem Jahr abgeschlossen werden können. Außenminister Scheel will am 23. September in New York mit dem stellvertretenden polnischen Außenminister Winiewicz zusammentreffen, um die nächste Verhandlungsrunde vorzubereiten, die im Oktober in Bonn stattfinden soll.

Über Fragen der Familienzusammenführung und humanitärer Erleichterungen für die in Polen lebenden Deutschen verhandelte der Präsident des Deutschen Roten Kreuzes, Walter Bargatzky, in Warschau. Bonn sieht in solchen Abmachungen einen wichtigen Teil der breiteren Basis, auf die die deutsch-polnischen Beziehungen gestellt werden sollten.