Beim Rolling-Stones-Konzert in Hamburg blieb ein Stein auf dem anderen. Anders als bei der Deutschlandtournee von 1965, wo die Fans der Stones beispielsweise die Berliner Waldbühne zu Kleinholz zerhackten, bevor die Polizei mit ihnen das gleiche versuchte, gingen die rund siebentausend Zuschauer „gesittet“ aus der Ernst-Merck-Halle, nachdem sie vorher ein wenig etwas geschrien hatten, was – als Massenchor – wie „Blutrache“ klang, aber doch wohl „Zugabe“ hieß.

Noch unmittelbar vor dem Konzert waren Karten reichlich zu haben, und in der leergeräumten Halle setzten sich die Zuschauer geduldig auf den Steinboden: keiner wollte und sollte dem anderen die Sicht versperren. Erst als Mick Jagger bei der Rock ’n’ Roll-Schlußphase des Konzerts das Publikum aufforderte, mitzutanzen, schlängelten Tänzer aus der Menge hoch, kletterten einige Mädchen auf die Schultern ihrer Begleiter, schob sich das Auditorium langsam in Richtung Bühne. Aber auch jetzt blieb alles friedlich, gemäßigt, überschaubar. Die Polizeireserve hatte Ruh.

Stones-Konzerte, die seit Berlin mit überhitzten Dampfkesseln verglichen und seit Altamont mit den Messern der Hell’s Angels in Zusammenhang gebracht werden, gleichen seit dem Hyde Park Free Concert vom Juli 1969 eher den Love-and-peace-Idealen (von denen in der Stones-Musik gar nichts zu hören ist) als den hochschäumenden Rock- und Beat-Orgien, den Satansfesten also, die Mick Jaggers ständige Botschaft sind. Der heiter-verzückte Friede der Zuhörer auf der einen Seite, der bis zum Bersten aufgeladene Rock auf der anderen Seite – das ist der merkwürdige Gegensatz, der die neue Stones-Tournee bestimmt.

Denn anders als bei den Beatles, wo die Kritiker in den letzten Monaten besorgten Ärzten glichen, die sich über das Lager eines Schwerkranken beugten, um immer wieder zu diagnostizieren, die Lage sei hoffnungslos, aber bald nicht mehr ernst, sind die Rolling Stones in einer Phase, in der ihnen alles glückt, bei der eine lange Entwicklung zurück zu den Bill-Haley-Ursprüngen führte, ohne daß die Raffinements und Errungenschaften dabei verlorengingen. Der Kritiker bemächtigen sich geradezu messianische Vorstellungen, wenn sie den gegenwärtigen Status der Mick-Jagger-Gruppe beschreiben. Franz Schöler, in seiner Schallplattenbesprechung des Albums „Get Yer Ya-Ya’s Out“ (ZEIT vom 11. September) bemühte biblische Vergleiche, wenn er schrieb: „(Sie erklären) warum Bob Dylan und die Beatles, die immer als die Messias-Figuren der Rockmusik verehrt wurden, nur deren Propheten waren und auf die größere Band hinweisen, die ihnen folgte.“

„Get Yer Ya-Ya’s Out“, der (technisch ungemein perfekte) Mitschnitt zweier Konzerte im Madison Square Garden in New York, enthält auch alle Glanznummern, die die Stones auf der jetzigen Deutschlandtournee spielen. Abgesehen von balladesken Nummern, bei denen Mick Jagger nur zur Gitarre singt und (in „You ’ve got to move“), das Baßsolo aus der Kehle brummend, den Gang von Filmcowboys in Beat überführt. Und abgesehen von den Rock-Evergreens („Roll over Beethoven“), die sich dem progressiven Weg zurück aufs schönste einfügen.

Die Beatles waren die Beatles. Die Stones sind Mick Jagger. Man muß dieses flackernde, zuckende, elastisch vibrierende Nervenbündel vor dem ruhigen Hintergrund seiner glänzenden Gitarristen sich ausgeben sehen, um zu verstehen, daß diese Band in ihrer Leaderfigur aufgeht, ohne dabei in den Hintergrund der bloß akustischen Staffage gedrängt zu werden. Die Gruppe ist in jedem Sprung, in jeder Drehung und Bewegung Jaggers mit enthalten. Und er in jedem. Gitarrenlauf Keith Richards, dessen satte Perfektion unüberbietbar ist, und Mick Taylors, der Jaggers Stimme mit einem ungeheuer swingenden Gegenrhythmus herausfordert.

Jagger braucht keine Titel anzusagen, er bestimmt nur die Richtung, wenn er Country Music oder „We gonna rock“ ansagt. Denn die Stones stürzen sich immer wieder mit neuen Improvisationen in die gleichen Titel, die seit „Let it bleed“ und „Sympathy for the devil“ ihr Repertoire bilden. Es sind Nummern, an deren wilder Ausgewogenheit, an deren stets wiedergewonnener Spontaneität man alle gegenwärtige Rockmusik zu messen hat.