Nürnberg

Im selben Saal, in dem vor einem Vierteljahrhundert die Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse abrollten, machte in der vergangenen Woche unbewältigte Gegenwart Richter und Angeklagte ratlos.

Es geht um acht Einwohner von Ostrov aus Mährisch-Ostrau. Anfang Juni bestiegen sie – drei Ehepaare, zwei Verlobte und ein zweijähriges Kind – eine Linienmaschine der tschechoslowakischen Luftfahrtgesellschaft CSA von Karlsbad nach Prag. Fünf Minuten nach dem Start standen zwei Männer, Cihac und Galasek, auf und zogen ihre geladenen Pistolen. Galasek betrat das Cockpit: "Es ist euch hoffentlich klar, daß wir nicht in der ČSSR landen möchten." Nach dieser Einleitung kam auch Cihac in die Kanzel und wurde deutlicher: "Fliegen Sie nach München!"

Die Piloten reagierten mit hinhaltendem Widerstand: Das Benzin reiche nicht, man könne höchstens Österreich ansteuern. Diese Falle witterten die Entführer sofort: Österreichs Grenze ist von Karlsbad aus weiter weg als die bundesdeutsche. Cihac zielte auf die Piloten und wiederholte ultimativ, wohin man zu reisen wünsche. Er wiederholte seine Drohung. Immer noch nichts. Schließlich drohte Galasek: "Wenn wir nicht in zwanzig Minuten über Westdeutschland sind, erschieße ich den Navigator." Die Piloten verstanden. Nach wenigen Minuten jedenfalls sahen die Entführer unter sich Autobahnen, die westlich anmuteten. "Wir beruhigten uns. Wir landeten in Nürnberg. Dort entschuldigten wir uns bei den Piloten. Unsere Waffen gaben wir sofort der westdeutschen Polizei ab."

Auf dem Flughafen übernahm die Kripo die Besatzung. Die Piloten lachten in die Kameras der Reporter. Nein, die Gewalt über das Flugzeug haben sie nie verloren, und gefährlich im Sinne der Flugsicherung war die unfreiwillige Reise auch zu keiner Sekunde. Die Fluggäste nahmen den Abstecher in den Westen zumindest mit Gleichmut hin. "Und überhaupt", so sagte Josef Prochazka vor Gericht, "möchte ich bemerken, daß die Stimmung an Bord ganz ausgezeichnet war." Prochazka, ebenfalls mit geladener, gezogener Pistole, hatte die Aufsicht im Fahrgastraum zu führen. Er stand im Mittelgang und hob die Waffe nicht. Es war nicht nötig. Zwei weitere Entführer, ebenfalls bewaffnet, standen erst gar nicht auf. Jaroslaw Pour setzte sich unter die Passagiere, scherzte mit den Damen und bekam Bonbons geschenkt, Vera Klementova holte ihren unter dem Pullover verborgenen Revolver erst vor, als sie ihn in Nürnberg dem Polizeibeamten aushändigte. Die Entführer stiegen aus, die Entführten flogen zurück nach Osten. Einer von ihnen flüsterte Prochazka noch schnell zu: "Wenn ich das gewußt hätte, ich hätte meine Familie mitgenommen und wäre jetzt auch hier ausgestiegen."

Hätten die Angeklagten bei Widerstand geschossen? Alle verneinen es. Beweise gibt es nicht – außer ihren unschuldigen und zum großen Teil noch kindlichen Gesichtern. Außer ihrer unendlichen Geduld, mit der sie Landgerichtsdirektor Horst Schenke antworten, der, Politik hin – Menschlichkeit her – einen übersichtlichen Tatbestand braucht. Passend zum Schema Freiheitsberaubung, zum Schema Nötigung, zu jahrhundertealten Kategorien wie Anstiftung, Beihilfe, Mittäterschaft.

Immerhin, der Vorsitzende läßt sie über ihre politische Verfolgung erzählen. Übergesetzlicher Notstand als Rechtfertigungsgrund für die Tat? Der Vorsitzende begibt sich auf schwankendes Terrain. Alle vier Männer auf der Anklagebank geben an, politisch verfolgt worden zu sein. In Widerstandsorganisationen waren sie nicht. Gibt es sie überhaupt unter dem Regime Husak? Und der patriotische Widerstand? Hat er antikommunistisch zu sein oder darf er auch nach mehr Lohn, nach einer größeren Wohnung, nach einem bunteren Konsum fragen?