Die "Tagebuchbriefe" von Theodor Heuss aus den Jahren 1955 bis 1963, die in diesem Herbst vom Rainer Wunderlich Verlag in Tübingen veröffentlicht werden (Herausgeber Eberhard Pikart, 636 S., 38 DM), vermitteln einen Einblick in seine Sorgen über die Entwicklung der FDP, deren erster Vorsitzender er bis 1949 gewesen war.

Die Briefe entstammen einer Korrespondenz, die Theodor Heuss mit der Publizistin Toni Stolper, der in Amerika lebenden Witwe seines Jugendfreundes Gustav Stolper, geführt hat. Die folgenden Auszüge beziehen sich auf die Koalitionskrise von 1955/56, die durch Differenzen über die Außenpolitik und das Wahlrecht verursacht, durch persönliche Animositäten zwischen Bundeskanzler Adenauer und dem FDP-Vorsitzenden Dehler, aber mehr noch durch Zank in den eigenen Reihen verschärft wurde. Auf den Sturz des nordrhein-westfälischen Kabinetts Arnold, für den Düsseldorfer "Jungtürken" (Heuss nannte sie "Nazi-Demokraten") verantwortlich waren (Döring, Weyer, Scheel, Zoglmann), folgte die Spaltung der Partei (Austritt des "Ministerflügels" und Gründung der "Freien Volkspartei", der FVP). Die geschwächte FDP ging in die Opposition. Unter den Vorsitzenden Reinhold Maier (1957) und Erich Mende (1960) konsolidierte sich die Partei, und 1961 zog sie, versehen mit dem Segen des Altbundespräsidenten, gestärkt in den Bundestagswahlkampf.

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24. 11. 1955. Abends halb elf ... Dehler hat wieder unbeherrschte Eskapaden in seinen Reden gemacht und der Kanzler, psychologisch verständlich, aber taktisch unbedacht, schroff reagiert durch einen Brief, daß es jetzt viel Wirbel geben wird, Koalitionskrise? Ich ließ Dehler für morgen zu mir bitten, weiß nicht, ob er kommt, rechne aber nicht mit Wirkung. Er ist in seine rednerischen Entgleisungen verliebt, die dann von der Presse immer "entstellt" wiedergegeben werden; ich riet ihm schon vor einem Jahr, seinen Reden immer sofort die Berichtigungen mitzugeben. Schade, wie eine Partei, die vor 6, 7 Jahren noch sehr nett im Zug war, keineswegs das alleinige Verdienst des Th. H., durch humorlose Personalehrgeize und den Tod von Wildermuth und Ernst Mayer ruiniert wird.

26. 11. 1955. Abends 3/4 7 und dann weiter... Ich hoffe, die Vertrotzung von Adenauer etwas gelockert zu haben und einen Weg gezeigt, daß die Koalition nicht zerknallt. Gräßliche Zerfahrenheit in der FDP-Fraktion wegen unerfüllter (und unerfüllbarer) Ehrgeize und daher gegenseitige Herabsetzung, sehr schwer, die Gruppen nach Sachgewicht zu beurteilen, einen guten Teil der Leute kenne ich gar nicht aus der Arbeit und ich kann ja nicht in die Fraktion gehen. Dehler hat sich von mir gestern viel sagen lassen, daß er die Schuhmachersche Erbschaft in billigem Nationalismus angetreten, aber er ist unbeherrscht und mißtrauisch; seine Frau hat ihn früher gedämpft und gezähmt, seit er aber nicht mehr Minister, ist sie für ihn gekränkt. Einstweilen noch eine verworrene Situation.

28. 11. 1955. Abends 11.45 ... Wird Dehler stürzen? Sachlich würde ich es für einen Gewinn halten, wenn er nicht mehr die Parteidinge pointiert. Aber wer an seine Stelle? Der, an den ich denke, hat eine zu ehrgeizige, nette kleine Person als Frau. Ach Gott, an was alles ein "Staatsmann", wie ich es bin (!), denken muß, der in den Parteidingen aus staatspolitischen und staatsrechtlichen Gründen zur Behutsamkeit gezwungen ist. Und dabei "müßte" ich mich noch viel intensiver um die Erziehung der FDP kümmern.

10. 1. 1956. Abends 9.45 Uhr... Dem Kanzler noch einmal weicheres Verhandeln empfohlen: Es sei unmöglich, die FDP unter das Joch zu zwingen, einige von denen träumen wohl von Opposition an der Seite der SPD, die anderen lassen sich nach rechts reißen.