Sonntagspredigt

Düsseldorf

Es begann am 9. August um 11.15 Uhr: Vikar Michael Höhn, seit einem halben Jahr in der evangelischen Kirchengemeinde Düsseldorf-Wersten tätig, predigte im Lydia-Heim, einer Filiale der Stephanus-Kirche, über das Himmelreich. Nicht die Vertröstung auf später habe Jesus gemeint, so formulierte der Vikar, sondern "hier also – mitten unter uns –, hier auf der Erde, in unserer Welt soll es anfangen".

Der Theologe erläuterte dann, wie er Freude und Friede nach dem Evangelium verstand. Um sich nicht im Theoretischen festzuhaken, zitierte er vor den Kirchgängern als anschauliches Beispiel einen Zeitungsbericht über Gastarbeiterwohnungen in Düsseldorf. Die linke Gazette Unsere Zeit hatte im Juli einen Report über "Slums für Gäste" in der rheinischen Landeshauptstadt publiziert. Der Bericht war zweifelsfrei: An Hand von drei Beispielen wurde unter Nennung von Namen, Adressen und Zahlen "das skrupellose Geschäft mit den Gastarbeitern" angeprangert. Bilanzierte das Blatt: "Selbst in Gefängnissen und Haftanstalten gibt es mehr Komfort." Die Zeitung rechnete vor, daß zum Beispiel einer der Vermieter seine Zimmer mit vier Schlafstellen ausstatte und bei einem Preis von 80 bis 100 Mark pro Bett bis zu 400 Mark aus einem einzigen Raum heraushole.

Höhn, für den es eine Selbstverständlichkeit ist, daß ein Christ sich um die konkreten sozialen und politischen Verhältnisse seiner Umwelt kümmert, beließ es nicht beim Zitieren. "Wir sollen etwas unternehmen, damit sie Grund zur Freude haben. Wir sollen uns dafür einsetzen, daß sie gerecht und menschenwürdig – wie es sich gegenüber Gästen gehört – behandelt werden", forderte er die Gemeinde auf. Der Vikar hatte Briefe an zwei Vermieter vorbereitet, in denen er die Hausbesitzer bat, doch zu überlegen, "ob nicht durch niedrigere Mieten und gleichzeitig verbesserte Einrichtungen in der ‚Unterkunft‘ dem gegenwärtigen Zustand rasche Abhilfe geschaffen werden sollte".

Der sonntägliche Appell des Vikars verhallte nicht ungehört. Etwa die Hälfte der rund sechzig Gottesdienstbesucher setzte ihre Unterschrift unter die beiden Briefe am Kirchenausgang. Und anschließend diskutierten sie mit Höhn über die Predigt, und spontan kam aus diesem Kreis der Wunsch, sich wiederzutreffen.

Wenige Tage später traf sich dieser Kreis zum erstenmal, um die nächsten Schritte der "Hilfsaktion" zu überlegen. Zunächst setzten sich Höhns Freunde mit verschiedenen Ämtern und Institutionen in Verbindung, um auf die Zustände in den Gastarbeiterunterkünften aufmerksam zu machen. Ihre aktiven Bemühungen bei Arbeitsamt, Gesundheitsamt und Gewerkschaften verliefen enttäuschend. Auch mehrere Gespräche mit einem Vermieter, den man zunächst als Hauptzielscheibe des Protestes gewählt hatte, waren ergebnislos. Die Höhn-Gruppe kam zu der Erkenntnis, daß juristisch den Vermietern nicht beizukommen war. Die Protestanten faßten deshalb den Entschluß, vor dem Wohnheim zu protestieren, um die Öffentlichkeit auf den Mietwucher aufmerksam zu machen.

Inzwischen zog Höhns Aktion Kreise. Eine rheinische Boulevard-Zeitung berichtete in Balkenüberschrift auf der ersten Seite: "Pfarrer entlarvt Mietwucher von der Kanzel." Auch andere Lokalzeitungen öffneten ihre Spalten der Protestaktion. Für Höhn hatte die plötzliche Publizität einen zweifachen Effekt. Einmal stieß seine Polemik auf wenig Verständnis, ja sogar Ablehnung. Formulierte ein Briefschreiber: "Man sollte Ihnen Ihr dreckiges Maul verstopfen, Sie Scheißkopp." Ein anderer beklagte Höhns Verhalten "den Deutschen gegenüber. Wir haben den Glauben und Halt an die deutsche Geistlichkeit verloren". Doch der Vikar bekam auch viele zustimmende Briefe und neue Helfer.

Sonntagspredigt

Am Montag protestierten einige hundert Gastarbeiter und Einheimische, mit roten und weißen Transparenten unter dem Schutz der Polizei vor dem Wohnheim in dem Düsseldorfer Vorort Wersten. Mit einem viersprachigen Flugblatt – deutsch, griechisch, spanisch und arabisch – wurden die Bewohner der umliegenden Straßen auf Sinn und Zweck des Protestes aufmerksam gemacht. Höhn erläuterte das Ziel dieser Kampagne: "Wir wollen moralischen Druck auf die Unternehmer, aber auch auf die Öffentlichkeit ausüben."

Höhns Kampf gegen den Mietwucher artikuliert sich aber nicht nur in öffentlichen Auftritten. In den letzten Wochen haben er und einige seiner Helfer versucht, selbst Wohnungen und Zimmer für die Gastarbeiter zu finden. Die Christen machten recht negative Erfahrungen. Wenn die Vermieter erfuhren, daß Gastarbeiter ihre Mieter sein sollten, fielen sofort die Türen ins Schloß. Der Pfarrer bezeichnet deshalb den Erfolg seines emsigen privaten Bemühens als "relativ minimal". Trotzdem will Höhn nicht aufgeben. Er hat die Absicht, sich auch selbst einmal in einem solchen Wohnheim für Gastarbeiter Pseudonym einzuquartieren, um an Ort und Stelle Erfahrungen sammeln zu können: "Ich kenne noch einige Fälle in Düsseldorf, die viel schlimmer sind als diejenigen, um die wir uns nun kümmern. Dorthin werde ich gehen."

Hermann Baumann