Niemand in diesem Raum ist gewillt, die Unauflöslichkeit der Ehe anzugehen – so der affirmative Einwurf eines Arbeitskreis-Teilnehmers in der letzten Woche beim Trierer Katholikentag. Der Mann muß geahnt haben, daß er diesen Satz aussprechen durfte. Die Referenten hatten zuvor bieder pastorale Lehramtskonformität verbreitet, hatten vom schlechten Beispiel der älteren Generation gefaselt und von der Angst der jüngeren, davon, daß das richtig verstandene Christentum frei mache, hatten biblische Fundamente ausgegraben und "unabdingbare Voraussetzungen" erkannt: Die Zuhörer des Arbeitskreises erhoben auf den Einwurf keinen Widerspruche

Den Vorstellungen der zu Kirchentagen sich Versammelnden Aktivisten stehen die Antworten auf eine Reihe von Fragen entgegen, die die katholische Zeitschrift Weltbild unlängst 14 000 Lesern stellte, nicht irgendwelchen vielleicht unmaßgeblichen Taufscheinchristen, sondern solchen, die nach eigenen Angaben zu 87 Prozent regelmäßig den Sonntagsgottesdienst besuchen, zu knapp 72 Prozent regelmäßig beten, zu 95 Prozent an die Auferstehung Christi und zu 89 Prozent an die Jungfrauengeburt glauben.

Diese, was die Glaubensinhalte und -aktivitäten betrifft, zur Kerntruppe Gehörigen sprachen. sich zu 62 Prozent für die Möglichkeit der Scheidung auch einer katholischen Ehe aus.

Auch in der Frage des Priester-Zölibats und der Geburtenkontrolle zeigten die Befragten wenig Respekt vor jüngsten obrigkeitlichen Verordnungen: Mehr als zwei Drittel der antwortenden Leser haben nichts gegen einen ververheirateten Priester einzuwenden; 56 Prozent fühlen sich durch die Anti-Pillen-Enzyklika Humanae vitae "nicht persönlich verpflichtet". Wenn das am grünen Holze geschieht ...

Es ist zwar gute alte römische Schule, sich weniger darauf zu stützen, was die Gemeinde glaubt und wie sie lebt, als auf die Systemkontinuität der Lehre. Aber darüber hinaus ist es inzwischen auch zur Methode geworden, den Kommunikationsfluß von unten nach oben immer wieder zu unterbrechen.

Die Spitze der Amtskirche will nicht wissen, was an der Basis geglaubt wird. Sie schneidet den mißliebigen, weil nicht mit dem System konformen Sprechern das Wort ab (Beispiel Hubertus Halbfas); sie gibt vor, die Meinung der Gemeinde zu erforschen, indem sie zur Vorbereitung einer Synode Fragebogen verteilt – mit Fragen allerdings, die im System bleiben und die Realitäten dieser Welt unberücksichtigt lassen. Was dazu führt, daß Aktivisten sich im esoterischen Zirkel von Katholikentags-Arbeitskreisen ihre Ansichten bestärken. – und die Zahl der sich. zum Kirchenaustritt entschließenden Frustrierten ständig wächst.

Nun hat der Kölner Kardinal Höffner kürzlich klar formuliert, daß, wer bestimmte Grundwahrheiten nicht mehr akzeptiere, die Konsequenz ziehen und sich nicht länger als Mitglied der Kirche betrachten möge. Dies jedoch scheint schwer mit der Emsigkeit zu vereinbaren, mit der der Trierer Katholikentag gemäß dem Zauberwort von der Pluralität jeden nur eben Erreichbaren gern in die "Gemeinde des Herrn" vereinnahmt hätte.

"Die christliche Botschaft", so definierte der Tübinger Theologe Hans Küng am Montag auf einem Kongreß "Über die Zukunft der Kirche", "lautet in der Welt von heute, in wahrhaft menschlicher Weise zu leben, zu handeln." Nicht nur von der Basis der Gemeinde und ihrer Praxis, sondern selbst von ihren Cheftheoretikern ist die Amtskirche in dem, was sie für glaubenswichtig und lebenswert hält, noch um einige Kirchenjahre entfernt. Heinz Josef Herbort