Von Horst Krüger

Natürlich ist der Titel "Von deutschen Buchhändlern", Walter-Jens-betört, viel zu großartig für mich. Was heißt schon "von"? Und haben Sie wirklich alle durchgemustert, alle deutschen Buchhändler, um über sie Allgemeines, Gültiges, wie man in Evangelischen Akademien immer hofft, sagen zu können? Ist es abgewogen, ausgewogen, wie es die Rundfunkstatuten fordern? Ist es auch schön ausbalanciert: einerseits, andererseits ...? Einerseits die bekannte Verantwortung des deutschen Buchhandels für den Geist, andererseits die Probleme der Mehrwertsteuer, die Gehaltstarife und das? So wäre es wohl recht nach dem Munde aller geschrieben: Tagungs-Hickhack, den unsere puritanische Gesellschaft braucht. Mein Fall ist das nicht.

Ich weiß, daß es unklug ist, dies hier zu schreiben. Ich werde mir wieder ein bißchen schaden, wie ich mir damals schadete, als ich so offenherzig über "Lesereisen" schrieb. Einige Leute fanden das lustig, aber seitdem haben die Einladungen zu Lesungen empfindlich nachgelassen. Ich verstehe das. Es werden nun künftig noch ein paar Buchhändler mehr meine Bücher für nicht existent erklären, fürchte ich.

Doch ist es nicht das, was mich wirklich vergrämt. Dies ist keine Autorenklage. Es ist schlimmer: Es ist eine ernste Kundenklage. Ich muß mich als Käufer beschweren. Manchmal möchte ich einfach ein Buch kaufen in Frankfurt am Main – ist das so abwegig? Alles, was jetzt kommt, sind Käufererfahrungen: was ich so sah und hörte und runterschlucken mußte in vielen Jahren. Das kommt jetzt hoch, aber ich verspreche: nur ein bißchen.

Gewiß ist es in anderen Städten viel besser; da bin ich ganz sicher. In Frankfurt am Main ist es so: Es ist unheimlich schwer, Literatur zu bekommen. Sie ist so merkwürdig unbekannt in den Buchhandlungen, die mir zur Verfügung stehen, ein Artikel, der auf große, staunende Augen, auf Ratlosigkeit stößt. Dann kommt das Kopf schütteln: Führen wir nicht, überall in der Innenstadt.

Sagen wir einmal Canetti. Ich brauchte kürzlich Elias Canettis Roman "Die Blendung" sehr dringlich. Es geschieht dann folgendes: Ich betrete die Buchhandlung, eine gute, seriöse, wie man sagt. Es kommen diese netten, jungen Verkäufer auf mich zu, die mich immer so hoffnungsfroh stimmen. Sie sehen so ungemein literarisch aus. Die jungen Männer im Studentenlook: Beatle-Frisuren, Raskolnikow-Bart. Die glühenden Augen lassen vermuten, daß sie nachts heimlich Gedichte schreiben; Revolutionsgedichte, versteht sich. Die Mädchen haben meistens den blonden, schüchternen Glanz von Dichtergattinnen im Auge, die das Leid der Schreibenden kennen, hautnahe. Man meint immer, hier bist du nun wirklich unter deinesgleichen, aber dann kommt aus dieser schönen literarischen Anmut meist nur ein Lehrling heraus, der ziemlich grün hinter den Ohren ist. Canetti? fragen sie etwas erstaunt und ziehen dabei die hohen Augenbrauen noch etwas höher, Sie meinen den Autofahrer? Sind von dem Memoiren erschienen? Nein, sage ich, der hieß Caracciola, glaube ich. Den meine ich nicht.

Ich betone die Höflichkeit dieser Jugend. Sie sind sehr bemüht, sehr hilfreich, das ist einzuräumen. Sie haben die Ohren gespitzt, sie haben mit ihren schönen Augen lange ins Leere gestarrt, den Fall bedenkend. Jetzt geht das Mädchen mit dem Madonnenscheitel an die Bücherregale, mustert Bestände durch, die in den meisten Buchhandlungen alphabetisch geordnet sind. Sie fummelt immer bei Kafka herum und findet natürlich nichts. Ich sage: Der schreibt sich mit C wie Camus. Sie nimmt das hilfreich und demütig an, in Madonnenart, sucht weiter und findet nichts. Es ist nicht vorrätig, sagt sie dann erleichtert und zugleich zuversichtlich. Man spürt: Diesen Satz hat sie gelernt, den kann sie. Dann kommt immer noch der andere Satz, der auch diesmal kommt: Sollen wir es für Sie bestellen?