Von Hans-Albert Walter

Kurt Grossmann verließ Deutschland am Tag nach dem Reichstagsbrand, ein Emigrant der ersten Stunde. In Prag baute er die Demokratische Flüchtlingsfürsorge auf. Seine Kunst des Umgangs mit Behörden und seine Fähigkeit, Finanzquellen zu erschließen, haben unzählige Exilierte vor Obdachlosigkeit, Hunger und Ausweisung aus dem Gastland bewahrt. Nach dem Abkommen von München hat sich Grossmann von Paris aus bemüht, die gefährdeten Antifaschisten aus der ČSR herauszuholen, und im Sommer 1940 war er an den Rettungsaktionen für die im geschlagenen Frankreich lebenden Emigranten beteiligt. Während des Krieges trat er in New York in den Jüdischen Weltkongreß ein und versuchte in dieser Schlüsselposition, europäische Juden dem deutschen Zugriff zu entziehen.

Daneben hat Grossmann für die Exilpresse gearbeitet, vor dem Krieg hauptsächlich für die Neue Weltbühne und das Pariser Tageblatt, in den vierziger Jahren für den New Yorker Aufbau. Seine Themen ergaben sich im wesentlichen aus seiner organisatorisch-karitativen Tätigkeit in der Flüchtlingshilfe.

Wenn sein Name bereits auf der ersten deutschen Ausbürgerungsliste vom August 1933 stand, so verdankte er diese Ehrung noch seiner Funktion als Generalsekretär der deutschen Liga für Menschenrechte. Die zweite Expatriierung durfte er seinem Wirken im Exil zuschreiben; sie traf, Resultat einer Verwechslung, einen Unbeteiligten, der unglücklicherweise den Namen trug, den der Emigrant Grossmann sich zum Pseudonym gewählt hatte: Felix Burger. Unter diesem Namen hatte Grossmann eine Schrift über Carl von Ossietzky mitverfaßt, wie er auch zu der kleinen Gruppe von Exilierten gehörte, deren Anstrengungen es zu verdanken war, daß Ossietzky der

Nobelfriedenspreis zuerkannt wurde. Kein Zweifel also, die Geschichte der deutschen Emigration kann nicht ohne Erwähnung Kurt Grossmanns, nicht ohne Würdigung seiner Verdienste geschrieben werden.

Eine ganz andere Frage ist es indes, ob er der Mann ist, diese Geschichte zu schreiben. Sie stellt sich angesichts seines neuen Buches –

Kurt R. Grossmann: "Emigration – Geschichte der Hitler-Flüchtlinge 1933–1945"; Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt; 412 S., 48,– DM.