Einige Menschen könnten viel bewerkstelligen, wenn sie nicht so praktisch wären.

Georgi Mitschew

Untergrundfilme en gros

Über zweihundert Filme zwischen 45 Sekunden und 125 Minuten sind auf der "Hamburger Filmschau 1970" zu sehen, die vom Donnerstag bis zum Sonntag, dem 20. September, dauert. Das "offene" Festival präsentiert zum erstenmal auch ein starkes Angebot aus dem europäischen Ausland und wird Seminare durchführen zu Themen wie "Didaktik des Lehr- und Agitationsfilms", "Analyse der Filmwirtschaft in der BRD" oder "Neue mediale Aspekte". Die Vorstellungen im Dammtor-Kino und im Auditorium maximum dauern von elf Uhr vormittags bis nach Mitternacht. Wem das Hamburger Angebot noch nicht reicht, der kann zu dem Mammut-Untergrundfilm-Festival fahren, das das Londoner Nationale Filmtheater seit dem 14. September veranstaltet: Dort werden weit über dreihundert Filme aus Europa, Amerika und Australien vorgeführt.

Ernst May

Bis zuletzt war er ein zorniger Mann geblieben, der selbstverständlich das Recht in Anspruch nahm, weit übers Ziel hinaus zu schießen und zu irren. Er war ein mutiger Mann mit der Fähigkeit, sich, wenn auch knirschend, selber zu korrigieren: Ernst May, der Städteplaner. Am Freitag voriger Woche ist er in Hamburg gestorben, 84 Jahre alt, ein Standbild von Mann. Sein Ruhm, der bis ans Ende auch weniger originelle oder zweifelsfreie Taten überstrahlte, hatte sich sehr früh eingestellt in einer zwar kurzen, aber außerordentlich fruchtbaren Zeit zwischen 1925 und 1930 in Frankfurt am Main, wo er als Stadtbaurat "Zickzackhausen" geschaffen hatte. Das sind sieben Stadtrandsiedlungen, deren berühmteste den Namen Römerstadt führt. Dort hatte May das Bauen mit vorgefertigten Elementen praktiziert, hatte die kleine, ungewöhnlich praktische "Frankfurter Küche" entwickelt, hatte auch Ideen realisiert, die sich später als Irrungen herausstellten: die naturnahe Wohnung fern der City und die Trabantenstadt. Diese "Gründer"-Zeit des Neuen Bauens genügte, seinen Ruf als "berühmtester Städteplaner Deutschlands" zu begründen. Später plante und baute er in der Sowjetunion und in Afrika, 1953 kam er nach Hamburg. Er wurde Leiter des Planungsbüros der "Neuen Heimat", in deren Diensten er dann auch an Siedlungen entscheidend mitwirkte, die eigentlich seinem scharfen Verdikt hätten zum Opfer fallen müssen, dem Verdikt über die Monotonie zeitgenössischer Stadt- und Siedlungsbauten. Er hatte die Courage, die Verbannung aller Autos aus den Innenstädten, die drastische Erhöhung der Benzinsteuer, auch ein "Raubbaugesetz" gegen die Zersiedlung der Landschaft zu fordern – doch auf die Frage, warum er denn den Kram nicht hingeworfen habe, nachdem ihm klar geworden war, daß zum Beispiel die Bremer Riesensiedlung Neue Vahr schlecht geraten werde – da hatte er auch nur die berühmte Antwort parat: "Dann wird es ja noch schlimmer."