Die Junge Union: erst fromm und konservativ – heute rebellisch und antiautoritär

Von Sepp Binder

Die Junge Union zieht in diesen Tagen Bilanz. Auf ihrem Deutschlandtag in Braunschweig, einer Art Bundeskongreß der Jungpolitiker, will die Nachwuchsorganisation der beiden christlich-demokratischen Parteien auf neuen politischen Wegen mutig voranschreiten: Demokratie, nicht nur als Organisationsform des Staates, Demokratie auch als Lebensprinzip der Gesellschaft – an diesem Thema wird sich zeigen, ob die Junge Union die Zeichen der veränderten Zeit verstanden hat. Die Bilanz des letzten Jahres zumindest ist gut.

Das war nicht immer so. Zwar ließen sich die Nachwuchskräfte der Unionsparteien gern als „equipe de reveille“, als Wachrüttelkommando und Motor der CDU/CSU feiern, doch nicht selten fehlte diesem Motor der nötige Treibstoff. Immerhin: Heute ist die Junge Union der stärkste politische Jugendverband in der Bundesrepublik. Sie ist die wichtigste Klammer zwischen CDU und CSU, fast alle CDU/CSU-Politiker haben sich dort bei gemeinsamer politischer Arbeit kennengelernt.

Zur Organisation: In 12 Landesverbänden und 3563 Ortsgruppen sind rund 120 000 Jungunionisten zusammengeschlossen. Eine gleichzeitige Mitgliedschaft in der CDU/CSU ist nicht zwingend. Die Junge Union ist sowohl finanziell wie auch in der Bestellung ihrer Führungsgremien von den Unionsparteien völlig unabhängig. Doch gilt seit ihrer Gründung: Sie ist das Nachwuchsreservoir für CDU und CSU. Ihre politische Kraft wird von den Nachwuchsorganisationen anderer Parteien beneidet.

Von Partikularinteressen noch nicht geschwächt, treten die Jungpolitiker in den CDU/CSU-Versammlungen als die einzige geschlossene Gruppe auf. Die Erfolgsbilanz ist beachtlich: In den Unionsparteien stellt die Junge Union derzeit 45 Kreisvorsitzende und ebenso viele Landesvorstandsmitglieder. 45 Jungpolitiker brachte sie im vergangenen Jahr in den Bundestag; 58 Bürgermeister, ein Landrat, 1114 Kreistagsabgeordnete und Stadträte und 3012 kommunale Mandatsträger bezeichnen sich als Mitglieder der Jungen Union.

Lange Zeit hatte der Verband als Vertreter der jungen Generation, erfüllt vom Streben nach Amt und Würden, keine besondere Aktivität entfaltet. Politische Leidenschaft reichte über bloße Taktik und organisatorisches Geschick oft kaum hinaus. Wohlgefällig blickten die Unionsparteien auf ihre lammfromme Parteijugend. Der Schwung der Gründerzeit hatte sich rasch im Gedränge um einen Platz an der politischen Sonnenseite verloren. Der ehemalige Bundesgeschäftsführer der Jungen Union, Lothar Kraft, beschrieb das Strebertum und Gerangel um Parteiposten: „Das geschmeidige Hinaufklettern, in Wirklichkeit eine Tortur, erbost alle, die selbst noch nicht so weit und in einer ähnlichen Situation sind. Kompromisse, taktische Wendigkeit, Anpassung und ein Schuß Opportunismus sind in der Tat erfolgreiche Mittel, in der Partei voranzukommen.“