ARD, Sonntag, 20. September: Halbgott in Weiß“, von Ramon Gill

Die Ansage machte es spannend. Ramon Gill, der Verfasser dieses Filmberichts über die Chefärzte in der Bundesrepublik Deutschland, wurde ausdrücklich als „engagierter Autor“ vorgestellt, worin eben Distanzierung liegt. Unverschlüsselt heißt das etwa: So furchtbar ernst, bitte, nehmen Sie’s nicht, liebe Zuschauer, hochverehrte Chefärzte; denn Sie wissen ja, ein Engagement, das ist ein Symptom für die Rechthaberei des schnüffelnden Kamera-Auges, und selbstverständlich hatte unsere Programmdirektion stellenweise gewisse Bedenken Und außerdem wurden in der Ansage Kinder und Leute, die kein Blut sehen können, vorgewarnt: Da wird operiert!

Es wurde, unter anderem, ein bißchen Geburt gezeigt, dezent über Kopf aufgenommen. Baby schreit. Mutter flüstert: Du Liebes, Süßes, du... Es wurde auch ein bißchen operiert, woran genau, konnte man nicht erkennen; man möchte wetten: am Herzen war’s. Geburt und Operation sind schon Topoi der Medizinfilme, wie Herz und Schmerz auch den Schlager signalisieren. Mit dem Thema hatte es nichts zu tun. Es stahl ihm nur Sendezeit.

Als Thema stellte sich die Frage, ob Chefärzte „Monarchen“ sein dürfen oder „Demokraten“ sein müssen. Es ging um den Chefarzt in der Organisation und Ökonomie der Klinik, aber auch um den Chefarzt als Symptomfigur der Autokratie, als Symbolgestalt einer Gesellschaft von gestern. Nebenbei, allzu nebenbei auf Kosten der an Herz und Schmerz verschenkten Minuten, ging es auch um die Parallelhierarchie der Krankenschwestern: Kann ein Frauengremium am runden Tisch (und der Redakteur, der in diesem Blatt der Emanzipation Dutzende von Seiten reserviert hat, geriet da ins Zweifeln, weil diese Bildsequenz ihn an Kaffeekränzchen erinnerte), kann ein Schwesternrat die Oberschwester ersetzen?

Das keinesfalls nebensächliche Nebenproblem kann und soll hier ebensowenig erörtert werden wie das Hauptproblem, ob und wie die ärztliche Verantwortung vom Chefarzt an eine 17-Uhr-Ärztekonferenz, von einer Person, faßbar, an eine Gruppe, kaum faßbar, zu delegieren ist. Zu kritisieren ist hier der Filmbericht:

So sah man also einen schier endlosen Zug von Weißbekittelten, und dazu fiel das Wort „Visite“, und das war, als Karikatur gelungen, nicht ganz fair, weil so viele Ärzte zu Hauf allenfalls in einen Hörsaal oder eine Klinikbesprechung strömen. So hörte man von einem aufmüpfigen Noch-nicht-Chef: „Der Arzt, der sich zum Oberarzt hoch gekrochen hat...“ Und Professor Hopf, Präsident des Verbandes der Chefärzte, hielt „die Pyramide“ der ärztlichen Klinikorganisation für unvermeidlich; aber: „Wenn der Chefarzt zum Halbgott wird, ist meist nicht er, sondern die mangelnde Zivilcourage seiner Untergebenen und Mitarbeiter daran schuld.“ So gab es als Antibeispiel zur Pyramidenkletterei die Gleichberechtigungsebene der Ärzte des Zweihundert-Betten-Krankenhauses von Herdecke, die, in Anthroposophenbruderschaft verbunden, Teamwork auch in der Kasse durchhalten. Und irgendwo am Rande schweifte man wieder vom Thema ab, diesmal nicht ins Herzige, sondern ins Skandalöse: von „Experimenten am Menschen“ wurde gemunkelt.

Es war – und deshalb ist sie hier ein wenig unter das Messer genommen worden – eine der besten Reportagen, die das Fernsehen bislang gesendet hat, eine, an die Kritik nicht verschwendet ist. Sie hat Fragen aufgeworfen und Antworten angerissen; und mehr ist im journalistischen Fernsehen gemeinhin nicht möglich: Das Fernsehen, soweit es sich publizistischer Themen annimmt, kann kaum mehr als Weichenstellerfunktionen ausüben. Es sei denn, die Programmgestalter hätten mehr Mut, als nur einem „Engagierten“ den Bildschirm am Sonntagabend zu überlassen. Der „Halbgott in Weiß“ – er hätte das Publikum zwei Stunden lang nicht gelangweilt.

Am Ende blieb ein Halbgott in Schwarzweiß. Die Chefärzte, die da ihr Statement hatten, hielten sich weiß. Doch das schwarze Bild vom Autokraten, der auf dem Geldsack thront, oder den Chirurgen als Geldbeutelschneider konnten sie nicht bannen. Man wird das alles, der abwiegelnden Ansage zum Trotz, sehr ernst nehmen müssen. Alexander Rost