Inmitten einer Idylle am Schloßplatz Nunmer 2 in Celle arbeitet der neue Präsident Dr. Deutschen Sportbundes. Die Frage, wie ich zu Dr. Kregel komme, muß ich wiederholen, so vertieft sind die beiden Angestellten am Auskunftsschalter in ein Gespräch über ein verschnürtes, dickes Aktenpaket. „Zum Chefpräsidenten Zimmer 72 und 73, erster Stock“, heißt es aber dann. Im Treppenhaus vollen in Öl in würdevollen Roben die Vorgänger des heutigen Oberlandesgerichtspräsidenten, den ich besuchen will.

Er selbst aber empfängt den Gast freundlich an der Türschwelle seines Arbeitszimmers und läßt gleich einen starken Kaffee brauen. Ich werde eingeladen, auf einem ehrwürdigen Sofa Platz zu nehmen – über dem Schreibtisch hängt ein alter Niederländer aus dem Celler Museum, über mir thront in barocker Herrscherpose Serenissimus persönlich, der letzte Regent. Ein prunkvoller Ledersessel fällt noch auf, mehr Zierstück als Sitzgelegenheit.

Mit ruhiger Stimme erzählt der zweifache Präsident sein Leben oder, besser gesagt, markiert er dessen einzelne Stationen. Alles Bunte oder Grelle bleibt beiseite – mehr schlichte Bleistiftskizze als farbiges Gemälde. Der Vater war Kaufmann, der viel reisen mußte, und deshalb wurde Dr. Wilhelm Kregel nicht in Deutschland, sondern in Luxemburg im Jahre 1909 geboren. Abitur 1927 an der Leibnizschule in Hannover. Nach dem Studium in Marburg und Göttingen legte er dort schon 1930, mit 21 Jahren, sein Referendarexamen ab. Dann die übliche juristische Laufbahn: Referendar, Assessor und 1938 Landgerichtsrat in Hannover, fünf Jahre später Oberlandesgerichtsrat in Celle.

Aber erst nach dem Kriege beginnt die doppelte Karriere des Dr. Kregel, die ihn zu einem der höchsten Richter und zum obersten Sportführer in der Bundesrepublik emportragen sollte. 1951 wird er Bundesrichter in Karlsruhe, fünf Jahre danach Landgerichtspräsident in Verden und zehn Jahre später Oberlandesgerichtspräsident in Celle. Mich weniger als 14 Landgerichte sind im Oberlandesgericht des alten Residenzstädtchens mit seiner schönen Fachwerkbauten und dem überbordenden Verkehr koordiniert. Der „Chefpräsident“ sitzt selbst noch einem Zivil-Senat vor, aber sein; Haupttätigkeit erschöpft sich in Verwaltungsarbeit.

Seit dem 25. April dieses Jahres leitet er nun noch als Nachfolger von Willi Daume die größte Organisation in der Bundesrepublik, den Deutschen Sportbund, der in diesem Jahr noch das Mitglied mit der Nummer 10 000 000 erwartet. Zwei Fragen stellen sich: Dank welcher Qualitäten wird ein Mann zu solchen Spitzenpositionen berufen, und wie vermag er dann noch die enorme Arbeitslast zu bewältigen?

Schließlich muß man wissen, daß Dr. Kregel bei seiner Wahl im April in Mainz keinen geringeren Gegner als Willy Weyer hatte, einen mit allen Wassern gewaschenen Politiker, der auch versteht, auf der Klaviatur der modernen Kornmunikationsmittel virtuos zu spielen. Aber gerade hier hatte der alte Wasserballspieler wohl – zu hoch gereizt. Eine Pressekamarilla rührte eifrig die Werbetrommel und pries ihn als den letzten Retter. Eine allzu stromlinienförmige progressive Konzeption – Manager an der Spitze einer straff zentralisierten Organisation – wurde entworfen und laut propagiert.

Aber jetzt fürchteten die Fachverbände um ihre Eigenständigkeit. Sie schauten nach einem Gegenkandidaten für den dynamischen Weyer aus und fanden ihn in dem zurückhaltenden Dr. Kregel, der seit 1964 Bundesvorsitzender des Deutschen Turnerbundes (DTB)und davor, von 1957 bis 1961, Vorsitzender des Akademischen Turnerbundes (ATB) war. Da die Fachverbände aber gegenüber den Landessportbünden, die ihrerseits Weyer küren wollten, die Majorität beim „Bundestag“ besitzen, gewann Dr. Kregel, und Weyer unterlag.