Von Karl-Heinz Janßen

Haltet aus, Hilfe naht! – Die Fedayin, die in den Trümmern von Amman um ihr Leben kämpften, hörten die Botschaft, die ihnen Radio Damaskus und Radio Bagdad zuriefen. Glaubte man den Agitatoren, so konnte es sich nur noch um Stunden handeln, bis die aus Syrien kommenden Panzer der palästinensischen Befreiungsarmee die jordanische Hauptstadt erreichten. Der Haschemitenthron wankte. Verzweifelt flehte König Hussein die vier Großmächte um Hilfe an. Das zynische Wort des linksradikalen Partisanenführers Habasch, man würde für die Befreiung Palästinas auch einen dritten Weltkrieg in Kauf nehmen – es schien sich jetzt zu bewahrheiten. Israelische Panzer rollten auf den Golanhöhen in ihre Ausgangsstellungen; Kriegsschiffe der Sechsten Flotte mit 1500 Ledernacken an Bord näherten sich den Küsten Syriens und des Libanons; in Fort Bragg standen 14 000 amerikanische Fallschirmjäger in Alarmbereitschaft; zweitausend Mann der 8. US-Infanteriedivision in Bayern wurden alarmiert. Moskau und die in Kairo versammelten arabischen Staatschefs stießen düstere Drohungen aus.

Doch dann kam am Mittwoch voriger Woche die überraschende Wende im jordanischen Bürgerkrieg. König Hussein und seine Generäle brüsteten sich eines stolzen Sieges über die syrischen „Aggressoren“. Fast 100 der 250 angreifenden syrischen Panzer seien vernichtet, der Feind über die Grenze zurückgeworfen worden. Diese Version übernahm später auch das State Department in Washington. Unter der Hand freilich ließen die Amerikaner wissen, ihr Säbelrasseln und ihre diplomatischen Vorstellungen in Moskau hätten die Gefahr vom haschemitischen Thron in letzter Minute abgewendet. Auch die Israelis beanspruchten einen Teil des Verdienstes. Ihre Panzer, nur eine Stunde von Damaskus entfernt, und ihre Patrouillenflüge über Nordjordanien hätten die Syrer nachdenklich gestimmt. Wo so viele den Frieden gerettet haben wollten, durften auch die Sowjets nicht fehlen. Staatspräsident Podgorny ließ durchblicken, daß sein Land von jedweder Einmischung abgeraten habe.

Es werden noch etliche Monate verstreichen, ehe findige Reporter und Zeithistoriker die Hintergründe des jordanischen Bürgerkrieges aufgedeckt haben. Vorerst wird man also auch die Geschichte anzweifeln müssen, die von dem Baath-Regime in Damaskus aufgetischt wird, und sei es auch nur, um die Schlappe in Nordjordanien zu beschönigen. Syrien habe, so will es diese Lesart, von vornherein eine begrenzte Offensive geplant, um das Gleichgewicht zwischen den Partisanenverbänden und der jordanischen Armee wiederherzustellen. Ein Vormarsch in Richtung Amman sei nie vorgesehen gewesen, und die syrische Luftwaffe hätte absichtlich nicht in die Schlacht eingegriffen. Demnach hat also die syrische Regierung ein mustergültiges crisis management exerziert, indem sie immer nur so weit operierte, daß sich weder die Amerikaner noch die Israelis provoziert fühlen konnten.

So viel steht fest: Der Panzerangriff auf Syrien verschaffte den arg bedrängten, technisch weit unterlegenen und schlecht ausgebildeten Partisanen die nötige Atempause. Mittlerweile hatten Ägypten, der Sudan, Libyen und andere arabische Nationen Zeit zur Vermittlung. König Hussein mußte nachgeben, wollte er es nicht vollends mit seinen arabischen Geldgebern verderben. Er hatte einsehen müssen, daß seine Militärs ihr Versprechen nicht einlösen konnten, binnen achtundvierzig Stunden die Partisaneneinheiten zu zerschlagen und „mit der Wurzel auszurotten“.

Der König gibt jetzt die Schuld seinem Geheimdienst, der von den Partisanen unterwandert worden sei und ihn mit falschen Informationen versehen habe. Sogar sein Fahrer und sein Koch hätten mit den Fedayin unter einer Decke gesteckt. Doch die Wahrheit ist auch in diesem Fall komplexer. Überall, wo sich die Partisanen verschanzt hatten, konnte die Beduinenarmee mit ihren Kanonen Haus um Haus in Trümmer legen, aber die Generäle trauten sich nicht, nach der Kanonade ihre Infanterie in den Straßenkampf zu schicken. Die Infanterie galt als unzuverlässig, denn sie besteht zum großen Teil aus Palästinensern.

Die Brutalität der königlichen Armee hat der Sache Husseins in der arabischen Welt am meisten geschadet. Seine Offiziere freilich hatten für Psychologie nicht viel übrig. „Was ist schon ein Haus? Wir sind Beduinen!“ – „Das hier sind nicht unsere Städte, ist nicht unser Volk. Sie wollen doch nur aus unserer Heimat ein zweites Palästina machen.“