Vom Sorgenkind der ersten Tage der sozialliberalen Bonner Koalition hört man kaum noch Bedenkliches. Arbeits- und Sozialminister Walter Arendt, von der CDU/CSU-Opposition des Bundestages sehr bald als der „wunde Punkt der Regierung Brandt“ identifiziert, hat es seinen Gegnern zusehends schwerer gemacht, ihn anzugreifen.

Noch zu Beginn des Jahres hatte ein hoher Beamter seines Ministeriums prophezeit: „Die Faust Hans Katzers wird Arendt über kurz oder lang in die Knie zwingen.“ Mittlerweile hat der Druck nachgelassen; aus der Faust des Amtsvorgängers wurde ein Fäustchen.

Katzer, der mit seinem Gewerkschaftskollegen Arendt „persönlich durchaus befreundet“ ist, scheint den Tagen nachzutrauern, als sich Millionen von Sozialrentnern von dem amtierenden Minister um ein Weihnachtsgeld von zunächst 100 und später immerhin noch 50 Mark betrogen glaubten. Heute nörgelt er mit wenig durchschlagenden Argumenten über Arendts „krampfhafte Reformversuche“ und über die nach seiner Ansicht mangelhafte wirtschaftliche Fundierung des Sozialbudgets, der sozialpolitischen Bestandsaufnahme und Vorausschau.

Er räumt ein, daß die Bundesregierung nach dem ersten Jahr ihrer Amtszeit „noch wundere Punkte“ als den des Sozialministers aufzuweisen habe, beklagt aber sogleich den Zusammenhang mit der Sozialpolitik: Die Preissteigerungen um mehr als vier Prozent verhinderten erstmals, daß der Produktivitätszuwachs den Rentnern zugute komme. Die Rentenerhöhungen kompensierten jetzt nur noch die Teuerung.

Die Schuld daran, daß ihm die Munition gegen Arendt auszugehen droht, trägt Katzer selbst. Noch zu seiner Amtszeit entdeckte das Sozialministerium die Nützlichkeit der Kybernetik: Die sozialpolitische Planung sollte an Hand alternativer Modelle durchgerechnet werden. Das Ministerium sollte dadurch in die Lage versetzt werden, unrealistische – nämlich zu teure – Projekterechtzeitig einzumotten und realistische Pläne in mehreren Spielarten entscheidungsreif zu formulieren. Das Kabinett konnte dann nach politischen Gesichtspunkten wählen.

Die neue Methode bewährte sich schon bei der Formulierung des Gesetzes über die Lohnfortzahlung an kranke Arbeiter. Zusammen mit dem damaligen Leiter seiner Grundsatzabteilung, Johann Frank, wollte Katzer das statistische Rüstzeug des Ministeriums weiter ausbauen, als ihn der Bonner Machtwechsel überraschte.

Damit aber verlor der Christdemokrat gleich zwei Trümpfe an seinen sozialdemokratischen Nachfolger: Arendt ist seither nicht nur in der Lage, die Kosten seiner Reformvorschläge exakt zu berechnen und mit der geschätzten wirtschaftlichen Entwicklung in Einklang zu bringen; er besitzt auch den rechnerischen Apparat, auf den Katzer und Frank – er wurde von Arendt entlassen und leitet seitdem den Planungsstab der CDU-Opposition im Bundestag – jetzt weitgehend verzichten müssen. Er kann genauer und schneller arbeiten als seine Opponenten. Deren anfängliche Praxis, ähnlich lautende Gesetzentwürfe ein paar Tage schneller auszuarbeiten als die Bundesregierung und ihr damit das Tempo zu diktieren, scheitert allmählich an technischen Schwierigkeiten.