Wer inoffiziell streikt, beeinträchtigt die Position der Gewerkschaften

Für kurze Zeit schien es so, als ob eine neue Welle inoffizieller Streiks einsetzen würde. Doch der langmähnige„Jungrevolutionär“, der angesichts der Schlagzeile „100 000 Metallarbeiter im Streik“ in der Hamburger Mönckebergstraße einen Freudentanz vollführte, hat sich offenbar zu früh gefreut. Der heiße Herbst des vergangenen Jahres wiederholt sich aller Voraussicht nach nicht – mag es auch nach der Einigung der Tarifpartner in Hessen und Niedersachsen in der Metallindustrie noch Warnstreiks geben.

Jene Handvoll junger Leute, die schon im Herbst 1969 ihre Chance gewittert hatten, sich mit den streikenden Metallarbeitern auf sozialistische Art zu solidarisieren, hat heute wie damals, keine Aussicht, die Situation auf ihre Weise politisch nutzen zu können. Der weltanschauliche Graben zwischen Arbeitern und sozialistischen Studenten ist so breit und tief wie ehedem.

Anlaß zum Nachdenken gibt etwas anderes. Galten die deutschen Gewerkschaften einst als die diszipliniertesten und bestorganisierten Arbeitnehmervertretungen in der Welt, so weisen sie seit dem letzten Herbst Schwächemerkmale auf, die in anderen Ländern zum gewohnten und bedauernswerten Bild in der wirtschaftspolitischen Szene gehören. Und das gilt besonders für die größte Industriegewerkschaft, für die IG Metall.

Sicher ist richtig, daß auch in der Bundesrepublik eine ganze Anzahl von inoffiziellen Streiks zum normalen wirtschaftlichen Alltag gehörte. Sie standen nur nicht so sehr im Blickfeld wie beispielsweise in Großbritannien. Doch das, was im vergangenen Jahr und jetzt in der Metallindustrie passierte, läßt auf eine Veränderung im Verhalten der Arbeiter schließen.

Ebenso wie andere Gruppen, die mit dem Marsch auf die Straße ihre Forderungen durchzusetzen versuchen, meinten auch die 100 000 Metallarbeiter Gleiches tun zu können – ohne Rücksicht auf die rechtlichen Formalitäten, die vor einen offiziellen Streik gesetzt sind. Mit dem Ergebnis, daß sie die Machtposition der Gewerkschaftsführer schwächen; eingeschlossen die des IG-Metall-Chefs Otto Brenner, der gar nicht anders kann, als den Streikenden seine Sympathie zu bekunden. Der Trost, daß die Arbeiter ihre Gewerkschaft diesmal unterstützen und ihr nicht, wie im letzten Jahr, in den Rücken fallen wollen, ändert daran nichts.

Wenn aber die Gewerkschaftsführer nicht mehr Herr ihrer Mitglieder sind, wie sollen sie dann noch eine Lohnbewegung in ihrem Industriebereich steuern können? Sie verlieren an politischem Stellenwert. Sie laufen Gefahr, in die Position der Arbeitgeber hineinmanövriert zu werden, die bisher meist von strategischem Unvermögen und taktischer Schwäche gekennzeichnet war. Mit schwachen Partnern kann aber ein Wirtschaftsminister nicht viel anfangen, wenn er eine Einkommenspolitik der lockeren Hand betreiben will.

Karl Schillers konzertierte Aktion, die in der ersten Hälfte dieses Monats wieder aufleben soll, ist, zumindest vorerst, zum Mißerfolg verurteilt. Hartwig Meyer