Von Marianne Kesting

Thomas Bernhard, anerkanntermaßen einer der besten Prosaisten der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, schildert in seinen Romanen Figuren, die im zivilisatorischen Abseits dahinleben. Mörder, Wahnsinnige und Besessene sind seine Helden, und in jedem seiner Bücher zeichnet sich eine zunehmende Verfinsterung ihres inneren und äußeren Zustandes ab.

Es hat denn auch nie an Stimmen gefehlt, die ihm Monomanie und Mangel an normalem Sinn oder Mangel dessen vorwarfen, was man gemeinhin den gesunden Menschenverstand nennt – Stimmen, die die Vermutung nahezulegen wußten, Bernhard selber sei von jenen extremen psychischen Zuständen affiziert, in denen seine Figuren befangen sind. Seine Prosa wurde als fragwürdig oder gar als gefährlich bezeichnet.

Es erhebt sich die grundsätzliche Frage, ob man an moderne Literatur, soweit sie des Namens wert ist, die Kriterien des Normalen anzulegen überhaupt berechtigt ist. Bei näherer Betrachtung der modernen Literatur dürfte einem nicht entgehen, daß seit Poe, seit Baudelaire, seit Dostojewskij, seit Strindberg die Schilderungen der extremen psychischen Situation, ja der psychiatrischen Zustände gerade in den bedeutenden Werken überwiegen.

Die von den Nazis ad absurdum getriebene Methode, den Schriftstellern selber anzukreiden, was sie schildern, oder sie für die Krankheiten, die sie diagnostizieren, persönlich verantwortlich zu machen, ja sie zu den Urhebern dieser Krankheit zu stempeln, müßte einmal ein Ende haben. Nicht ob sie gefährlich oder zersetzend sind, steht zur Diskussion, sondern ob sie gezwungen sind, eine Welt der Zersetzung, Entartung und Deformation zu schildern – gezwungen um des Anspruchs der Wahrhaftigkeit willen. Fest steht jedenfalls, daß das Abnormale in der modernen Literatur der Versuch einer Korrektur des zum Reklamebild verkommenen Normalen ist, oft ein Akt der ohnmächtigen Verzweiflung gegenüber einer gesellschaftlichen Entwicklung, die schließlich nicht von der Literatur geplant wurde.

Darüber hinaus ist es kein Geheimnis mehr, daß der Intellektuelle, der „Geistesarbeiter“, sofern er nicht als Naturwissenschaftler oder Techniker unmittelbar der Industrie dient, zur sozial unterprivilegierten Schicht gehört. Er, weniger der Arbeiter, ist der eigentliche Außenseiter der technisch industriellen Gesellschaft, die sich anschickt, nichts anzuerkennen außer ihren eigenen Trends, die alles unter diese Trends zwingt und damit, wie bereits absehbar ist, die Menschheit Katastrophen eben technischen Ausmaßes überantwortet.

Auf ihre Degradierung zu Außenseitern haben nicht wenige Dichter und Schriftsteller reagiert, indem sie sich mit den outcasts der Gesellschaft identifizierten, eine Tendenz, die sich heute nicht nur fortsetzt, sondern sich über die Schicht der eigentlichen Intelligenz hinaus verbreitet hat und damit zu einem ernst zu nehmenden sozialen Menetekel geworden ist.