Der seit Monaten anhaltende Preisanstieg beunruhigt die Politiker und Wähler. Die Verteuerung der Lebenshaltung liefert der CDU-Opposition willkommenen Anlaß, die Regierung anzugreifen und ihr Versagen im Kampf um die Stabilität der Mark vorzuwerfen. Tatsächlich sind die Preise während der vergangenen zehn Jahre auch noch nie so stark gestiegen wie in den vergangenen Monaten: Um 4,1 Prozent liegt der Index für die Lebenshaltung zur Zeit über dem Stand des Vorjahres. Bei einzelnen Produkten und Dienstleistungen ist der Anstieg sogar noch viel spektakulärer. Der Preisindex für Energie und Brennstoffe war am Ende des ersten Halbjahres um 9,4 Prozent höher als Mitte 1969, die Preise für Produkte der Körper- und Gesundheitspflege lagen um 6,2 Prozent höher, der Preisindex für Wohngebäude gar war um 17,3 Prozent in die Höhe geschnellt. Angesichts der verbreiteten Inflationsfurcht in der Bundesrepublik braucht sich deshalb niemand über die Unruhe in der Bevölkerung zu wundern. Doch bevor man der Regierung Unfähigkeit vorwirft, sollte man auch einen Blick über die Grenzen werfen. Seit 1960 ist die Geldentwertung in der Bundesrepublik immer geringer gewesen als bei unseren wichtigsten Handelspartnern. Der Abstand war zum Teil sehr beträchtlich. Nur im letzten Jahr der Regierungszeit Erhards und seines Wirtschaftsministers Schmücker erreichte die schleichende Inflation nahezu das gleiche Tempo wie in den übrigen großen westlichen Industrieländern. Auch ein Blick auf die Preisentwicklung während des letzten Jahres in diesen Staaten zeigt, daß die Bundesrepublik immer noch am hinteren Ende des Inflationszuges fährt. Mehr kann man in einer Welt, die wirtschaftlich so eng miteinander verflochten ist, kaum erreichen. Würden die Preise in der Bundesrepublik so wie im Rezessionsjahr 1967 nahezu stabil bleiben, würden die Auslandskunden angesichts der relativ billigen deutschen Angebote für einen Exportboom sorgen, während andererseits die teuren Einfuhrgüter kaum noch eine Chance hätten. Die Bundesrepublik würde die „hausgemachte“ gegen die „importierte“ Inflation tauschen. Der einzige Ausweg wären ständig wiederholte Aufwertungen. Sie würden aber nicht nur die europäische Zusammenarbeit erschweren, sondern auch das Weltwährungssystem immer wieder erschüttern. Die Deutschen wären die ewigen Störenfriede. Stabilität kann heute nur noch durch internationale Kooperation erreicht werden. Grund zur Hoffnung: In jüngster Zeit lag die Inflationsrate in den USA, Kanada und Japan unter der der Bundesrepublik. Gelingt dort die Stabilisierung, so kann sie auch bei uns erreicht werden,