Es begann in St. Moritz. Herbert von Karajan nahm dort mit den Berliner Philharmonikern Mozartsche Serenadenmusik für die Schallplatte auf; en passant erfuhr er, daß ein paar Häuser weiter Leopold Stokowski Beethovens Siebente Symphonie probte – mit einem internationalen Jugendorchester, zusammengesetzt aus Mitgliedern einer Reihe von Ensembles, die zu einem Treffen in die Schweiz gekommen waren. Karajan hörte sich die jungen Leute an, war enthusiasmiert, und es setzte sich in ihm der Gedanke fest, ähnliches in Berlin zu arrangieren.

An dem jugendmusikalischen Rendezvous, das letzte Woche im Konzertsaal des SFB stattfand, beteiligten sich acht Ensembles, aus Polen, Schweden, der UdSSR, aus England, Jugoslawien, Holland, aus der BRD und Westberlin.

Das Treffen hatte zwei Aspekte. Vor allem die Orchester selbst sahen es als die „Begegnung“ an, die der Name verhieß. Der menschliche und musikalische Kontakt bedeutete ihnen mehr als das Wettspiel um einen der Preise, die von der Karajan-Stiftung für die beste Interpretation einer älteren und neueren Komposition ausgesetzt waren.

Die Diskussion über die Preise und den Modus ihrer Verteilung hat sich nun allerdings bis ins Unangemessene ausgedehnt, je mehr sie sich erhitzte. Selbst wer in einer nur völkerfamiliären Zusammenkunft nichts Erschreckendes sieht, wird sich dem Unbehagen von Musikfachleuten kaum verschließen können, falls gerade in Deutschland mehr oder minder unverbindlich vor sich hin musiziert würde. Die Misere bundesrepublikanischer Musikerziehung ist zu offenkundig, als daß man sich wohl die Chance entgehen lassen dürfte, auf sie in der harten Konfrontation mit anderen musikalischen Realitäten hinzuweisen.

Wenn das Streicherensemble des Moskauer Konservatoriums eine der Medaillen gewonnen hat, dann ist das zwar als Politikum wesentlich. Aber der Preis für die Moskauer – mit Abstand das beste Orchester des Treffens – rückte eben auch die Mißlichkeit im bundesdeutschen Musikschulbetrieb in helles publizistisches Licht.

Während im Großen, Saal des Senders Freies Berlin eines der Jugendorchester musizierte, verteilten „Schüler, Eltern und Lehrer an den sogenannten Musikschulen Westberlins“ vor der Philharmonie – Karajan dirigierte dort eine Festwochenaufführung des letzten Akts der „Götterdämmerung“ – ein Flugblatt mit dem Titel „Musikalische ,Götterdämmerung‘ in Westberlin?“: „In wenigen Jahren werden Sie weder dieses noch irgendein anderes anspruchsvolles Werk von ,einheimischen‘ Musikern hören können oder wollen. Der Grund: das offiziöse Westberliner Kultur- und Erziehungswesen: läßt seine Lehrer an den Musikschulen, die mehr als 90 Prozent des gesamten vorberuflichen Musiknachwuchses unterrichten, weit unter dem rechtlichen und finanziellen Status von Grundschullehrern dahinvegetieren!“

Vor solchem kultursoziologischen Hintergrund erhält die Prämiierung guter Orchesterleistung und damit auch eines guten musikalischen Erziehungssystems Legitimation.