Jeremy Spencer: „The World of Jeremy Spencer“; Reprise RS 5187, 19,– DM

Fleetwood Mac: „Kiln House“; Reprise RS 6408, 19,– DM

Wer auch immer das Gerücht aufbrachte, daß Jeremy Spencer – Chef der Fleetwood Mac, nachdem Peter Green die Gruppe verlassen hat – auf seinem Solo-Album den Rock ’n’ Roll der fünfziger Jahre parodieren wollte, der irrt gründlich. Erstens waren die Höhepunkte eines Konzerts der Fleetwood Mac immer jene Minuten, in denen Jeremy zur Slide-Gitarre griff und seine favorisierten Rock-Songs spielte, und zum zweiten gibt es auf „The World of Jeremy Spencer“ nur drei Nummern, die man guten Gewissens als Parodie goutieren kann: „Mean Blues“, eine verballhornte Version des „Mean Woman Blues“, in der die naive Begeisterung und das musikalische Unvermögen parodiert werden, mit dem man Ende der fünfziger Jahre in den britischen Teen-Clubs oder zu Hause bei Muttern „blooze“ übte, zu jener Zeit also, als die Animals, Stones und ein Junge namens Eric Clapton erste Gehversuche unternahmen.

Dann eine immerhin humorvolle Persiflage des späteren Gospel-Balladiers Elvis Presley mit „If I Could Swim The Mountain Und Take A Look Around Mrs. Brown“, Reminiszenz an den pseudokritischen Spülstein-Realismus der Manfred Mann Group und gleichzeitig Zitat von John Lennons obszönem „I’m The Walrus“.

Die übrigen Nummern der LP sind eine Hommage an die frühen amerikanischen Rock-Idole und ihre englischen Nachfolger: an die Teenager-Romanzen der Buddy Holly und der Everly Brothers („Linda“ und „Teenage Love Affair“), an Ricky Nelsons große Zeit und an Bo Diddley. Jeremy Spencers Stimme ist so wandlungsfähig, daß er die typischen Vokalstile seiner „Vorbilder“ perfekt imitieren kann.

Auch die neue LP der Fleetwood Mac ist das Album einer primär rock-orientierten Band. Die einzige Nummer, die noch an die Blues-Vergangenheit der Gruppe erinnert: „Station Man“, ein langsamer Country Blues. Die übrigen wurden inspiriert von den berühmten Rock-’n’-Roll-Originalen – was niemanden zu verwundern braucht; denn auf „Kiln House“ spielt schließlich dieselbe Fleetwood-Mac-Besetzung wie auf Jeremy Spencers „Solo“-Debüt.

Franz Schöler