Von Heinz-Günter Kemmer

Die Herren schieden in Unfrieden. Nach dreizehn Stunden zähen Ringens gingen die Tarifpartner der Eisen- und Stahlindustrie in Nordrhein-Westfalen in den Morgenstunden des vergangenen Donnerstag auseinander. An den vorsorglich vereinbarten neuen Verhandlungstermin – Dienstag, 29. September – gebunden fühlte sich nur noch Dr. Hermann Brandi, Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes Eisen- und Stahlindustrie. Sein Kontrahent Paul Manowski, Leiter der Verhandlungsdelegation der IG Metall, war böse: „Sie können uns ja einen Brief schreiben.“

Kurz darauf einigten sich die Gewerkschaftsvertreter intern, am 29. September weiterzuverhandeln. In einem Fernschreiben, das die IG Metall am Montagmorgen an die Zeitungsredaktionen verschickte, war von diesem Termin die Rede. Die Arbeitgeber wußten von nichts, aber am Nachmittag des gleichen Tages stand auch für sie fest, daß die Metaller verhandlungsbereit waren. Ein Sprecher des Arbeitgeberverbandes: „Morgen wird verhandelt.“

Diese Episode am Rande zeigt, mit wieviel Prestigeballast die Verhandlungen in der Stahlindustrie wie auch in der Metallverarbeitung belastet waren. Wenn wirklich ernsthaft verhandelt wurde, kam man sich dagegen sehr schnell nahe. So in der hessischen Verarbeitung, wo in einer „langen Nacht“ Einigung über einen neuen Abschluß erzielt wurde; so auch bei Eisen und Stahl, wo schon in der ersten ernsthaften Verhandlungsrunde eine Einigung zum Greifen nahe war.

Wenn die Wogen dennoch hochschlugen, so deshalb, weil sich die Tarifpartner selbst Barrikaden gebaut hatten, von denen nicht so einfach herunterzukommen war. Der überhöhten Forderung der IG Metall auf fünfzehn Prozent Lohn- und Gehaltserhöhung setzten die Metallarbeitgeber zunächst ein Angebot von sieben Prozent entgegen. Das empfanden die IG-Metaller als Provokation – sie gingen auf die Straße. Wie im vergangenen Herbst hagelte es wilde, Streiks, die am vergangenen Freitag mit der Arbeitsniederlegung von mehr als 100 000 Arbeitern ihren Höhepunkt fanden.

So ruhte bei Opel sowohl in Rüsselsheim als auch in Bochum die Arbeit, bei Ford in Köln gab es einen Tag zuvor sogar blutige Köpfe. Bei tätlichen Auseinandersetzungen in den Werkshallen wurden zehn Ford-Arbeiter verletzt. Und auch bei Ford war die Werksleitung überrascht darüber, so berichtete die Deutsche Presse-Agentur, daß „bei der Ausweitung des Streiks offensichtlich die ausländischen Arbeitnehmer die Führung übernommen hatten“. Bisher hätten sich, so die Ford-Manager, immer nur deutsche Arbeitnehmer an solchen Arbeitsniederlegungen beteiligt, die Ausländer hätten sich „fast ganz rausgehalten“.

„Die türkischen Arbeitnehmer“, so meint man bei Ford, „sind offenbar über die Sachlage nicht richtig informiert worden.“ Die Information, so meint wiederum der Betriebsrat, sei Sache der Geschäftsleitung.