Anders der Jurist: Ihn interessiert die Definition „Entstehung individuellen Lebens“ nicht, für ihn seien die Begriffe des Gesetzestextes relevant, Begriffe wie Leibesfrucht und Schwangerschaft. Ausschlaggebend sei, wann man von der sozialen Werthaftigkeit eines Vorgangs sprechen kann. Wie aber soll der Jurist beweisen, daß eine Befruchtung oder Nidation vorlag? Professor D. Krauss funktionierte deshalb die Nidation in sozial erhebliches Geschehen um und kam zu dem Schluß: Ein solches Ereignis sei dann gegeben, wenn die Regelblutung ausbleibt; er setzte auf die 28.

Die Naturwissenschaftler, beide praktizierende Gynäkologen, fragten: „Ist das ein Mensch?“ – und wollten es ärztlicher Auffassung überlassen, wo man von einem beseelten menschlichen Leben sprechen kann; eine praktische Schlußfolgerung zogen sie nicht.

Anders die Theologen. Man konzediert katholischerseits, daß ein Eingriff während der ersten vierzehn Tage nach der Befruchtung anders zu bewerten wäre als ein Eingriff in der zweiten oder dritten Phase. Die Evangelische Kirche Deutschlands lehnt solche Verfahren ab, die beginnendes Leben antasten. Sie definiert den Beginn abstrakten Lebens mit der Keimzellenverschmelzung; alles andere erachtet sie als Tötung. Doch machte Ringeling ein Zugeständnis: Über den Termin lassen wir mit uns reden. Die Jurisprudenz schließlich muß von den bestehenden Paragraphen ausgehen; Intrauterinpessar, die morning after pill, die Schwedenpille liegen außerhalb des Pönalisierungsbereichs.

Damit war, wollte man sich die Finger nicht verbrennen, alles gesagt. Die definitive Entscheidung fiel: Nidationshemmer sind akzeptiert. Ein zaghafter reformerischer Schritt gelang. Das Gesetz aus dem Jahr 1935, das die Verwendung intrauteriner Schutzmittel als gesundheitsschädlich und lebensgefährlich verbot, soll nach einstimmigem Beschluß der Gynäkologen abgeschafft werden. Sie fanden ihren Ausweg aus der Schizophrenie der Situation. Man wirft sich die Bälle zu und dekretiert Entscheidungen, zieht sie hinaus und ist nie so ganz bereit, den Blick auf die Praxis zu richten, mit der man doch täglich konfrontiert wird. So scheint es zumindest.

Saß am Tisch der Diskutanten schon keine Frau, so fand sie doch einen beredten Fürsprecher. Der Münchener Psychiater Professor Paul Matussek schlug praxisbezogenere, realere Töne an: Die Antwort über den Beginn des individuellen Lebens wird immer der Niederschlag weltanschaulicher Überlegungen sein. Man selektiert die medizinischen Fakten und impliziert philosophisches oder religiöses, immer kulturhistorisch gewachsenes Gedankengut. Gewiß muß kindliches, in diesem Fall embryonales Leben geschützt werden, aber ebenso bleibt der Glücksanspruch der Mutter auch zu berücksichtigen. Kriminalistische Embryologie wird das Problem nicht lösen, meint Matussek. Biologen und Embryologen können definieren, können aber niemals postulieren, ohne den historischen Konnex zu erwägen.

Die Mutter, ihr Wille, ihre Einstellung zum Kind sollten für den Gynäkologen entscheidend sein. Es wäre ein Verbrechen, so Matussek, ihr via Norm ein unerwünschtes Kind aufzuzwingen. Trägt sie gegen ihren Willen ein solches Kind aus, wird sie vielleicht keine gute Mutter sein. Das Kind muß möglicherweise die Zeche bezahlen. Man sollte daher die Abtreibung bis zum dritten Monat freigeben. Bis dahin kann die Frau festgestellt haben, daß sie schwanger ist.

So erfreulich praktisch diese Ansicht anmutet, so birgt sie doch neuerliche Gefahren. Auch wenn Matussek erklärt, man müsse ein Risiko eingehen, bleibt doch zu fragen, ob dieses Risiko nicht zu groß ist. ...