Der Königlich Württembergische Kunstbeamte Karl August Kräutle, der im Jahre 1882 – in einem unvermuteten Anflug heftigen Erwerbungsdranges – 168 Zeichnungen von Giambattista Tiepolo und seinen Söhnen für das „Kgl. Kupferstichcabinett Stuttgart“ ersteigerte (Durchschnittspreis: zweieinhalb Goldmark pro Stück), war sich über die Bedeutung seines Ankaufs wahrscheinlich nicht im klaren.

Kräutle, der wahrscheinlich von der Ähnlichkeit mancher Entwürfe mit der damals hochgeschätzten Barockmaskerade von Makart & Co. beeindruckt war, hat mit Sicherheit nicht geahnt, daß er mit der Einverleibung der Zeichnungen in den Stuttgarter Bestand der Wissenschaft ein Problem präsentiert hat, mit dem sich die Tiepoio-Forschung nun schon seit über einem halben Jahrhundert herumschlägt: die Frage nach dem Zusammenhang der „disegni“ mit den Fresken in der Würzburger Residenz und anderen Werken.

Seit langem publiziert, jedoch noch nie vollständig ausgestellt, könnten die Stuttgarter Zeichnungen den Schlüssel zur Lösung der Frage enthalten. Begünstigt durch den passenden Anlaß, Giambattista Tiepolo zu ehren – im März dieses Jahres jährte sich sein Todestag zum zweihundertsten Mal –, präsentiert nun die Graphische Sammlung der Stuttgarter Staatsgalerie erstmals ihr Tiepolo-Paket komplett (ergänzt durch Leihgaben aus Stuttgarter Privatbesitz und aus dem Würzburger Martin-von-Wagner-Museum) – und dazu eine neue, genauer: eine wiederaufgegriffene alte Hypothese.

George Knox, ein Tiepolo-Spezialist aus Übersee, hat die neuere Forschung dergestalt auf den Kopf gestellt, daß die ältere wieder auf die Füße zu stehen kommt: Er greift die 1910 von Eduard Sack erstmals formulierte These wieder auf, derzufolge alle auf die Würzburger Fresken (1752–53) bezüglichen Rötelzeichnungen in Stuttgart als eigenhändige Arbeiten Giambattistas anzusehen seien. Ausgehend von der Annahme, daß Giambattista beim Malen der Fresken keine Kartons verwendet habe, hält Knox die weißgehöhten Kreidezeichnungen auf blauem Papier für direkte Vorzeichnungen, die als Ausgangspunkt zur Übertragung gedient hätten.

Nun scheint es in der Tat so zu sein, daß die in den feuchten Malgrund eingeritzten Umrißlinien in Würzburg nur ganz ungefähr die Disposition der Malerei angeben und mit dem Aussehen der endgültigen Version nicht identisch sind. Freskomalerei ist eine Arbeit, die Schnelligkeit und absolute Präzision erfordert; Korrekturen sind kaum möglich. Ist es da sinnvoll, anzunehmen, Giambattista habe selbst so eminent wichtige Gestalten wie die der Erdteilpersonifikationen gemalt, ohne die Figuren vorher ins Reine gezeichnet zu haben? Vielleicht würde eine direkte Konfrontation von Zeichnungen und Fresken einiges klären – aber leider reist die Ausstellung anschließend zwar nach den USA und nach London, aber nicht nach Würzburg.

Die Veranstalter präsentieren die Ausstellung als Ergebnis einer wissenschaftlichen Untersuchung. Das ist gut so: Man muß den staatlichen Subventionsträgern demonstrieren, daß in unseren Museen mehr geschieht als gelegentliches Abstauben von Bilderrahmen. Helmut Schneider