Rom, im September

Eine zwiespältige Sechzehn-Stunden-Visite in Rom und der plötzliche Tod Nassers haben Richard Nixon bewogen, seine Mittelmeerreise weniger als Machtdemonstration und mehr als Werbetour für sich selbst und das amerikanische Prestige zu gestalten. Den Entschluß dazu faßte Nixon, als er sich am Montagabend auf dem Petersplatz plötzlich nicht in den bereitstehenden Hubschrauber setzte, um über die Köpfe demonstrierender Maoisten hinweg zur Sechsten Flotte zu entschweben, sondern ins Auto und aufs Auto stieg, um unter freundlicheren Römern wenigstens einige Punkte Popularität zu sammeln.

Mancher der päpstlichen Prälaten hatte feinen Ohren nicht getraut, als er Nixon ausgerechnet vor Paul VI. darauf pochen hörte, daß die Vereinigten Staaten im Mittelmeer die „mächtigste Flotte der Welt“ besitzen. Als der Präsident dann diesen Kraftspruch kurz darauf zum zweitenmal vor amerikanischen Seminaristen im Vatikan wiederholte und fast melancholisch hinzufügte, dies sei das einzige amerikanische College, wo er noch mit Beifall rechnen könne, spürte man jedoch schon den Schimmer eines Zweifels am Erfolg dieser Reise, deren erste Etappe – so Nixon – „dem Anker der Nato im Mittelmeer, einem gesunden, starken, unabhängigen Italien“ gelten sollte.

Daß es unumgänglich war, zumindesrdie Optik dieses Besuches zurechtzurücken, war Nixon klar geworden, nachdem er ein seltsames Wechselbad hinter sich gebracht hatte: Zuerst die joviale Freundlichkeit des Staatspräsidenten Saragat, dann die etwas verkrampft wirkenden Reverenzen der Regierung der linken Mitte und schließlich die höflichen Ermahnungen des Papstes. Alle freilich hatten ihm zu verstehen gegeben, daß es bei der amerikanischen Anwesenheit im Mittelmeer bleiben soll, aber nicht zum Eingreifen in das komplizierte Gewirr des nahöstlichen Konflikts kommen darf.

Das Nahost-Problem sei keine bloße Sache der Betroffenen, gab Nixon zu bedenken; wenn man vom Mittelmeer rede, sei auch „und vor allem“ Italien gemeint. Doch Ministerpräsident Colombo fühlte sich nicht geschmeichelt: Man müsse vor allem die „Selbstkontrolle“ der betroffenen Länder ermutigen und jede militärische Eskalation vermeiden; das palästinensische Problem sei jetzt ein politisches Problem, nicht einfach eine Flüchtlingsfrage. Und die Bündnisverpflichtung will Colombo sowenig für Amerikas Nahost-Politik gelten lassen, wie etwa Rumänien seine Warschauer-Pakt-Mitgliedschaft als Engagement für die Moskauer Chinapolitik verstanden sehen will.

Colombo nahm auch eine Einladung nach Washington nur zögernd an („Wissen Sie, wir sind eine Vier-Parteien-Regierung“). Er muß außenpolitisch vor allem mit seinen sozialistischen Koalitionspartnern rechnen, deren großer alter Mann, Pietro Nenni, den Besuch Nixons offen als „nicht opportun“ bezeichnet hatte und lieber auf ein blockfreies Europa zusteuern möchte. Am Vorabend des Nixon-Besuchs zitierte Nenni in einem Interview eine interne Äußerung Nixons bei der Nato-Tagung von 1969: Er wäre der „populärste Mann Amerikas“, wenn er sich aus Europa und Asien zurückziehen würde ...

Sogar Italiens Kommunisten schienen im stillen an einen kommenden Isolationismus in Amerika zu glauben. Sie protestierten zwar lautstark gegen Nixons Besuch, hüteten sich aber vor jedem Beifall für die Steinwürfe ihrer abtrünnigen Linken. Ganz offenkundig hatte sie auch die Peinlichkeit nachdenklich gemacht, in die sie geraten waren, als sie aus Furcht vor den Radikalen in ihren eigenen Reihen vorbehaltlos für die Palästinensische Befreiungsfront und gegen König Hussein Partei ergriffen, während Moskau und Washington schon dabei waren, einen Kompromiß in Jordanien zu erzwingen. Auch Nixons Reise zu Tito will nicht in ihr Klischee passen.

So kommt es, daß trotz aller innenpolitischen Polemik um Nixons Besuch in Italien doch ein untergründiges Einverständnis darüber besteht, daß es keine wirkliche Sicherheit im Mittelmeer gebe, solange die beiden „raumfremden“ Großmächte, bald als Rivalen, bald als gemeinsame Krisenmanager in dieser Region engagiert bleiben.