Eine neue Lassalle-Biographie: Der erste „Personenkult“ im Sozialismus

Shlomo Na’aman: „Lassalle“; Verlag für Literatur und Zeitgeschehen, Hannover 1970; 890 Seiten, 68,– DM.

Das Leben und der Tod Ferdinand Lassalles (geboren 11. April 1825 in Breslau) waren aus dem Stoff, aus dem Legenden, ja geradezu ein Mythos entstehen konnten. Der „Lassalle-Kult“ hat denn auch in den zehn Jahren nach einem Tod (28. August 1864) deutlich religiöse Formen angenommen, besonders in den Industriegebieten Deutschlands, in denen religiös-messialische Stimmungen christlicher Herkunft stark waren, wie in Sachsen, Schlesien, in Teilen des Rheinlands. Mit einiger Mühe ist es solch ausrichten Rationalisten wie Friedrich Engels, August. Bebel, Wilhelm Liebknecht und anderen gelungen, diesem ersten, wahren „Personenkult“ im Sozialismus, der der politischen Arbeiterbewegung gefährlich zu werden drohte, ein Ende in machen.

An den Namen und die Gestalt von Karl Marx haben sich weder zu Lebzeiten noch später solche Erscheinungen entzündet, wenigstens nicht in Europa, obwohl sein Lebenswerk und sein geistiger Einfluß größere Dimensionen haben und sein persönliches Schicksal auch nicht alltäglich ist. Was Lassalle betrifft, so waren es nur die rund zwei Jahre seiner „Arbeiter-Agitation“ von 1862 als 1864, die ihm jene quasi-messianische Statur verschafft haben; allerdings ist in seinem ganzen kurzen Leben die Dramatik und Problematik des deutschen neunzehnten Jahrhunderts ungemein dicht gebündelt und konzentriert, sozusagen im Brennglas seines Temperaments; unter Freunden hieß er „Fernando Furioso“.

An Lassalle und einzelnen Episoden und Aspekten seines Lebens haben sich schon viele Biographen und Monographen versucht. Obwohl vieles an Material dazu verloren gegangen ist, unter anderem von der Familie gleich nach dem Tode beseitigt und vernichtet wurde, ist doch noch eine große Fülle wieder beieinander, darunter einige Stücke, die zu den wichtigsten Dokumenten der Zeit gehören, so zwei ungemein interessante Briefe Heines über Lassalle, so der Briefwechsel Lassalles mit Bismarck, mit Marx und Engels.

„Umfunktionierung“

Shlomo Na’aman, über dessen Person weder der Umschlag des Buches noch seine Einleitung etwas sagen (mit Ausnahme der Datierung aus Tel Aviv) und von dem es schon frühere Arbeiten über Lassalle gibt, legt ein sehr umfang- und inhaltsreiches Buch vor, das er als „politische Biographie“ bezeichnet. Das Adjektiv „politisch“ will in diesem speziellen Fall durchaus nicht besagen, daß die persönlich-privaten Dinge ausgeschieden oder vernachlässigt seien. Im Gegenteil: Der Autor gibt sich große und meistens erfolgreiche Mühe, darzulegen, wie im Falle Lassalle wegen dessen jüdischer Herkunft, seines politischen Kampfstils, überhaupt seines Verhältnisses zur Umwelt wegen jedes Engagement politische Farbe und Qualität gewonnen hat, wenn es auch materiell privater Natur war.