Daß jede Buchmesse die bisher größte war, verstand sich immer von selbst; nur daß dieser Sachverhalt nicht mehr so stolz vermeldet wird wie zu den Zeiten, als noch kein Kulturschock das Selbstvertrauen der Büchermacher und -händler angefressen hatte. Schiere Größe läßt sich heute schwer als Trophäe verkaufen.

Zu jeder Messe gibt der Börsenverein eine Broschüre voller Statistiken heraus, „Buch und Buchhandel in Zahlen“ betitelt. Zahlen darüber, inwieweit die Messe eigentlich ihrem Hauptzweck noch genügt, inwieweit also der Buchhandel von ihr noch Gebrauch macht, um Bücher zu besichtigen und zu bestellen, enthält sie nicht. Es heißt: von Jahr zu Jahr weniger; und das würde bedeuten: Von Jahr zu Jahr wird die Messe immer mehr zu einer reinen PR-Veranstaltung.

Andere interessante Zahlen sind der Broschüre jedoch zu entnehmen. Zum Beispiel die, daß von den 1875 bundesrepublikanischen Verlagen 548 nur ein Buch im Jahr publizieren; und daß 40 Prozent aller Bücher aus nur 2,7 Prozent aller Verlage kommen.

Zum Beispiel auch die, daß der Reingewinn im Sortimentsbuchhandel von 1967 zu 1968 um 1,9 Prozent auf 5,6 Prozent gesunken ist; nach Abzug von Unternehmerlohn und Zinsen blieben im Durchschnitt nur 0,8 Prozent. Auch mit diesem trüben Ergebnis hängt zusammen, daß das Personal im Buchhandel immer knapper wird: Die Branche lockt zu wenige, und weil sie zu wenige lockt, werden wiederum die Initiativen unternehmenderer Firmen gebremst, und darum lockt... und so im Kreis. „Wir sind froh, wenn wir noch jemand finden, der guten Tag und was wünschen Sie sagt.“

So schmal der Gewinn, so hoch ist inzwischen die Klau-Rate; auch über sie gibt keine Statistik Auskunft, und bei der Art der Ware merken viele Buchhändler nur spät oder nie, was unter den Mänteln und in den Aktentaschen ihrer Kunden heimlich verschwunden ist. Man sagt, die Schwundquote betrage bis zu 6 Prozent, gegenüber 2 bis 3 Prozent im übrigen Einzelhandel; auf die Buchmesse müssen die größeren Verlage ihre Bücher mittlerweile zwanzigmal oder öfter mitbringen. Was als Sport und Mutprobe begann und dann zu einem Signum progressiver Gesinnung wurde, hat sich zu einer Epidemie ausgewachsen, die an Greisinnen und Universitätsdozenten nicht vorbeigeht und die dem Buchhandel nun doch bereits ernsthaft zu schaffen macht.

Der Durchschnittsladenpreis war 1969 bei 18,60 Mark angekommen; 1951 lag er noch bei 6,84 Mark. Dabei ist ein Gebiet verschont geblieben: Bei der Belletristik betrug der Durchschnittspreis 1956 6,14 Mark, 1969 lag er 23 Pfennig darunter. Natürlich ist der Grund dafür die Ausbreitung von Taschenbüchern und anderen billigen Reihen,

Am Rowohlt-Stand wurde einer dabei erwischt, wie er die gebundene Ausgabe von Neills Summerhill-Buch einstecken wollte. Ob er nicht links sei und folglich allein auf den Inhalt Wert lege? Er meinte ja, und so drückte man ihm die Taschenbuchausgabe in die Hand. So verschönt das Taschenbuch nicht nur die Preisstatistik, es senkt auch die Klauverluste.