Von Rolf Zundel

Bonn, im September

Eine der wichtigsten inneren Reformen tritt jetzt in ihr entscheidendes Stadium: Das Bundesinnenministerium hat die Grundlinien für den Umweltschutz entwickelt und ein Sofortprogramm entworfen, das dieser Tage vom Kabinett verabschiedet worden ist. Das Programm beschäftigt sich mit folgenden Problemen:

Wasser: Früher glaubte man an die Selbstreinigungskraft der Gewässer; heute reichen die Kläranlagen nicht mehr aus, um die Verschmutzung der Gewässer aufzuhalten. Allein von 1949 bis 1959 nahm der Sauerstoffgehalt des Rheins um ein Drittel ab, der Eisengehalt stieg um 75 Prozent, der Ammoniakgehalt um das 77fache. Außerdem werden dem Wasser direkte Giftstoffe zugeführt: Im Juni 1969 gelangten Insektenvertilgungsmittel in das Rheinwasser und vernichteten den gesamten Fischbestand von Bingen an flußabwärts.

In den nächsten dreißig Jahren wird sich der Wasserbedarf verdoppeln; in ähnlichem Umfang nimmt auch die Abwassermenge zu: 1953 waren es 24 Millionen Kubikmeter Abwässer je Tag, 1963 etwa 33 Millionen, 1970 sind es schon 37 Millionen Kubikmeter, die zum großen Teil ungereinigt wieder in die Gewässer zurückgeleitet werden. Das Innenministerium schätzt, daß der Staat – Bund, Länder und Gemeinden – jährlich etwa zwei Milliarden Mark für Kläranlagen und Kanalisationen investieren muß, um die Situation wieder in den Griff zu bekommen. Auch die Industrie wird jährlich etwa 450 Millionen Mark für Kläranlagen aufwenden müssen.

Das Innenministerium will das Wasserhaushaltsgesetz bis zum Sommer 1971 ändern, das Verkehrsministerium bereitet eine Verordnung vor, die die Beförderung von wassergefährdenden Stoffen regelt. Der Bund wird sich an der Finanzierung des Baus der etwa 5000 fehlenden Kläranlagen beteiligen. Die Daten über den Wasserhaushalt sollen systematisch gesammelt, und verwertet werden.

Luft: Die Dunstglocke über den Großstädten und den Industrieanlagen gehört längst zum gewohnten Bild. Dieser "Feinstaub", wie ihn die Wissenschaftler nennen, ist gefährlich, weil er eingeatmet werden und in die Lunge dringen kann. Die Konzentration dieses Feinstaubs hat in den letzten Jahren erheblich zugenommen. Er absorbiert Teile des Sonnenlichts und vermindert die für die Gesundheit wichtige Ultravioletteinstrahlung. In den Smogperioden erhöht sich, wie statistisch nachgewiesen wurde, die Sterblichkeit bei kranken und schwachen Menschen. Überdies enthält der Feinstaub selbst gesundheitsschädliche, auch krebserzeugende Substanzen.