Klaus Schöning: „Musik als Hörspiel“ heißt das Thema der diesjährigen von Ihnen geleiteten „Kölner Kurse für Neue Musik“. Was hat Sie veranlaßt, eine nichtmusikalische Gattung wie das Hörspiel in den Mittelpunkt eines vornehmlich für Musiker und Komponisten bestimmten dreimonatigen Semesters der Rheinischen Musikschule zu stellen?

KAGEL: Auch Sie sprechen von einer nichtmusikalischen Gattung. Dagegen behaupte ich, daß das Hörspiel, das in der akustischen Realisation seine ausschließliche raison d’être findet, keiner eindeutigen Festlegung von Material, Methode und (Be)Handlung bedarf.

Lassen Sie mich einen Satz aus dem Prospekt der Kölner Kurse zitieren: „Das Hörspiel ist weder eine literarische noch eine musikalische, sondern lediglich eine akustische Gattung unbestimmten Inhalts. Voraussetzung dieses ureigenen Rundfunkgenres ist eine Übertragungsfähigkeit solcher Art, daß die Akteure – Sprecher, Musiker, Zufallsmitwirkenden – nicht vor den Augen des Zuhörers agieren müssen, um die jeweilige Situation deutlich zu machen.“

Ich stehe dem Hörspiel absolut unbefangen gegenüber und fange also von vorn an. Daß das Hörspiel eine literarische Gattung sei, das habe ich zuerst in den Hörspielabteilungen des Rundfunks erfahren. Beim Hören von Hörspielen indessen rezipierte ich des öfteren die unhörbaren Regieanweisungen eher als Textvorlage als das eigentliche Manuskript. Der Duktus der Regisseure, ihre Anstrengung um eine effektvollere Artikulation von Stimmlage und Tempo, lasteten – und lasten immer noch – so sehr auf der Interpretation der Sprecher, daß die Möglichkeiten von mehrdeutigen Interpretationen seitens der Zuhörer ausgeschlossen sind. Im Bereich der musikalischen Interpretation findet sich eine parallele Erscheinung. Die Leistung des Dirigenten wird aufmerksamer verfolgt, je älter die Partitur ist. Dafür erwartet man von ihm, daß er seine Vorstellung dem Musiker um so deutlicher aufzwingt.

Sch.: Sie haben also Hörspiele vor allem im Hinblick auf die Artikulation und Musikalität der Stimmen gehört, aber weniger im Hinblick darauf, was gesagt wurde. Das wäre eine Verlagerung der Rezeption auf einen Bereich, der ästhetische Informationen transportiert und andere, vielleicht vom Autor auch intendierte Informationen als nebensächlich erscheinen läßt.

KAGEL: Dies ist sicher nicht meine persönliche Art zu hören, aber auch dann würde ich glauben, daß viele Autoren daran selbst schuld sind. Hörspieltexte, die als Ersatz für Belletristik dienen, fordern geradezu eine belle Realisation. Ebenso verhält es sich mit jenen nach Bühne duftenden Vorlagen, die eher an den verkannten Theaterregisseur appellieren als an den nur mit Sprechern arbeitenden Hörspielregisseur. Es hat lange gedauert, bis man die Chancen der deutschen Begriffsbildung „Hör-Spiel“ Deutschland wortwörtlich nahm, nämlich auch als Spiel mit dem Hören und den Hörern.

Sch.: Sie haben also Hörspiele primär als Musikstücke gehört?