Von Ben Witter

Im fließenden Verkehr fuhr ich vom Hauptbahnhof mit einer Taxe auf den Lerchesberg in Sachsenhausen. Es dauerte eine Viertelstunde. Diesen Hügel hatte die Lerchesberg-Gesellschaft aufgeschlossen, um rechtzeitig ein komfortables Wohngebiet für dringend benötigte Führungskräfte der Wirtschaft zu schaffen. Die Grundstücke sind zwischen ein- und dreitausend Quadratmeter groß. Der Quadratmeter kostet dreihundert bis vierhundert Mark. Bungalows werden ab sechshunderttausend Mark angeboten. Zur Stadt hin, am unteren Lerchesberg, versteckt hinter Hecken und Gestrüpp, stehen noch vereinzelt Schrebergartenlauben; Richtung Süden ist der Stadtwald. Ohne Unterstützung von Gärtnern wächst nichts auf dem Lerchesberg. Ein Vorgarten gleicht dem anderen. Zäune wurden meistens weggelassen. Die Bungalows sind weiß und weiträumig. Chagall-Engel schweben in weißen Rahmen, weiße Bücherwände begrenzen.

Ein Terrassenfenster stand offen. Als ich näherkam, drückte ein Mann, der in einem Ohrensessel saß, auf einen Knopf. Das Fenster schloß sich. Mich traf ein scheeler, ängstlich aggressiver Blick. Dann spähte ich durch ein geschlossenes Fenster. Ein Mann saß an einem Tisch, steifbockig, ohne eine unwillkürliche Drehung des Halses. Wer von beiden wohl der Diamantenhändler war ...

Ein Bungalow steht dazwischen. Er ist schwarz. Aber die Mauern hatte man weiß eingefaßt.

Der nahe Stadtwald reinigt die Luft. Flugzeuge fliegen in angemessener Höhe immer am Lerchesberg vorbei. Ein weißes, 2,5-Liter-Coupé war aus der Garage unter einem Bungalow halb: zum Tor, hinausgefahren worden. Im Radio, knackte es. Ich ging hinunter nach Niederrad. In der Humperdinck- und in der Buchenrodestraße würde ich lieber wohnen als auf dem Lerchesberg. Da oben liegt alles bloß, hier unten wirkt alles verschwiegener, und alles ist fast genauso teuer wie da oben. Das Gras am Bahndamm mußte vor ungefähr vier Wochen gemäht worden sein. Vor dem Bahndamm standen Bänke. Auf einer Bank saß ein Mann und prüfte, die flache Hand ausgestreckt wie ein Soldat, den vorschriftsmäßigen Sitz seines Käppis, indem er seinen Zeigefinger gerade über die Nase nach oben führte. Der Mann trug aber einen Hut. Die Nähe der Universitätskliniken macht sich hin und wieder bemerkbar. Und das Rauschen der Baumkronen im Louisa-Park. In der Humperdinck- und Buchenrodestraße haben die Grundstückspreise ihren Höhepunkt erreicht. Die Bungalows sind auch weiß. Die älteren Villen haben weiße Fensterrahmen. Ich setzte mich auf die Bank vor dem Bahndamm.

Vom Hauptbahnhof ging ich ins Westend. Da hatten einmal reiche Leute gewohnt und Adamiten trugen Balkons auf ihren Schultern. Grünlich-braun sahen die Adamiten und die Stuckfassaden nun aus. Eines dieser Häuser, in der Eppsteinstraße, die während der auslaufenden Gründerjahre gebaut wurden, gehörte vor dem Krieg einem jüdischen Kaufmann. Er veranstaltete öfter Hausmusikabende. Seit zwölf Jahren gehört es wieder einem jüdischen Kaufmann. Er wohnt nicht in dem Haus und hat es absichtlich verwahrlosen lassen. Das Haus darf deshalb bald abgerissen werden. Die Bewohner sitzen dann auf der Straße.

Der jüdische Kaufmann besitzt zwei Pässe. Ihm gehören noch mehr Häuser mit grünlichbraunen Adamiten und Stuckfassaden. Weltfirmen sind hinter seinen Grundstücken her. Er soll auf dem Lerchesberg wohnen. Die Frank-