DIE ZEIT

Schmidt bläst zum Sammeln

Die Würfel fallen in den nächsten Wochen bei der Etatplanung in Washington. Präsident Nixon steckt in einer finanziellen Zwangsjacke und sieht sich mächtigem innenpolitischem Druck ausgesetzt.

ZEITmagazin

Hans Gresmann, bisher neben Gräfin Dönhoff für „Politik“ verantwortlich, hat die Leitung des ZEIT-Magazins übernommen. Norbert Denkel – er war bisher für Bildwahl und Bildplacierung im Schwarz-Weiß-Teil der ZEIT zuständig – ist für die graphische Gestaltung verantwortlich.

Nahost ohne Nasser

Wie rasch die Szene sich wandelt: Ende Juli erst war es den amerikanischen Bemühungen gelungen, Nasser und die Israelis zu einem Waffenstillstandsabkommen zu bewegen; Ende August fanden in New York erste diplomatische Gespräche statt.

Berlin ist der Prüfstein

Zweimal in den letzten zwanzig Jahren stand Berlin im Brennpunkt des Ost-West-Konflikts: 1948/49, da Josef Stalin den Westen der geteilten Stadt auszuhungern suchte, und aufs neue 1958 bis 1962, als Nikita Chruschtschow mit seinen raketenrasselnden Ultimaten das freie Berlin aus seiner Verankerung im Westen loszusprengen drohte.

Weltläufiger Diplomat mit hartem Kern

Am Mittwoch dieser Woche nahm der sowjetische Botschafter in der DDR zum siebenten Male Platz an dem viereckigen, etwas abgenutzten Tisch im Konferenzsaal des Berliner Kontrollratsgebäudes: Pjotr Andrejewitsch Abrassimow, 58 Jahre alt, verbindlich, gut aussehend, mittelgroß, breite Stirn unter welligem grauem Haar, spitzes Kinn – ein Diplomat von beachtlichem Geschick.

ZEITSPIEGEL

Der amerikanische Senat hat Humor bewiesen. Er proklamierte mit großer Mehrheit die erste Woche im August zur „Nationalen Clown-Woche“.

Leussinks Mission in Moskau

Schon am zweiten Tag der Reise Minister Leussinks und seiner Delegation durch die Sowjetunion erklärte der stellvertretende Vorsitzende des Staatskomitees für Wissenschaft und Technik, Dscherman Gwischiani: „Ein Rahmenabkommen für die Zusammenarbeit in Wissenschaft und Technik zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion ist in absehbarer Zeit durchaus möglich.

Mehr Tragödien als Triumphe

Es war kein sorgloses Lächeln; es war eher gequält und verkrampft. Gamal Abdel Nasser stand im Kairoer Hilton-Hotel zwischen den beiden uniformierten, bewaffneten Widersachern, zwischen dem König und dem Guerilla.

Das Blutbad von Amman

Haltet aus, Hilfe naht! – Die Fedayin, die in den Trümmern von Amman um ihr Leben kämpften, hörten die Botschaft, die ihnen Radio Damaskus und Radio Bagdad zuriefen.

Einmal rund ums Mittelmeer

Eine zwiespältige Sechzehn-Stunden-Visite in Rom und der plötzliche Tod Nassers haben Richard Nixon bewogen, seine Mittelmeerreise weniger als Machtdemonstration und mehr als Werbetour für sich selbst und das amerikanische Prestige zu gestalten.

Waffen nach Athen

Die beiden letzten Kriege im Nahen Osten waren ein Geschenk des Himmels für die griechischen Obristen. Der Sechtstagekonflikt im Juni 1967, einen Monat nach dem Athener Putsch, hat der Militärdiktatur vermutlich das Leben gerettet.

Um Berlins Zukunft

Obwohl die ost-westliche Botschaftergruppe der vier Berlinmächte seit dem Frühjahr schon sechsmal getagt hat, betrachtet Washington die Zusammenkunft am letzten Septembertag als eigentlichen Beginn der Verhandlungsrunde.

Mörder, Schleimer, Dreckschleuders

Seine Haushaltsrede hat Bundesfinanzminister Möller nicht nur eine Menge Ärger, sondern auch viel Post eingebracht. 132 Bundesbürger haben inzwischen in Briefen und Telegrammen ihre Meinung zu dem Wort kundgetan, das der durch Zwischenrufe provozierte Minister den Unionspolitikern im Zorn entgegenschleuderte: "Die, die diese Weltkriege und die darauf folgenden Inflationen zu verantworten haben, stehen Ihnen geistig näher als der SPD.

Schwarze Tage für die FDP

Offene Renitenz bei drei Landtagsabgeordneten in Düsseldorf; neue Unruhe beim Parteinachwuchs, nachdem sich Landesvorstand und Jungdemokraten in Niedersachsen überworfen haben; demoskopische Befunde, die die Fünf-Prozent-Hürde immer höher erscheinen lassen – bei den Freien Demokraten häufen sich die schlechten Nachrichten.

Juristentag in Mainz: Sieg der Jungen

Der Bochumer Jurist, Professor Ingo von Münch, ist ein widerborstiger Gesell. Seinen Kollegen, die sich auf dem 48. Juristentag in Mainz versammelten, schrieb er keine freundlichen Worte ins Stammbuch.

Reise ohne Illusionen

Das Reiseprogramm des französischen Ministerpräsidenten Pompidou, der in dieser Woche seinen zehntägigen Staatsbesuch in der Sowjetunion begann, hat vor der endgültigen Festlegung einige Veränderungen erfahren, die, gewollt oder ungewollt, die Akzente leicht verschieben.

Mut vor dem Papstthron

Die westdeutschen katholischen Bischöfe haben ihr Selbstbewußtsein wiedergefunden. Mit kaum erwarteter Deutlichkeit machten sie in der vergangenen Woche ihren Anspruch auf kollegiale Mitsprache und Eigenverantwortlichkeit geltend, als sie bei der Formulierung einer „Durchführungsverordnung“ auch die letzten Möglichkeiten ausnutzten, die Papst Paul VI.

Gesetze gegen den Dreck

Eine der wichtigsten inneren Reformen tritt jetzt in ihr entscheidendes Stadium: Das Bundesinnenministerium hat die Grundlinien für den Umweltschutz entwickelt und ein Sofortprogramm entworfen, das dieser Tage vom Kabinett verabschiedet worden ist.

25 Jahre „Süddeutsche Zeitung“: Geteilt durch sechs

Abends breitete sich Hochstimmung aus in den Redaktionsstuben der Süddeutschen Zeitung an Münchens Sendlinger Straße. Die stets gebremst taktierenden Redaktions-Revoluzzer hatten, so meinten sie, einen Sieg errungen: statt eines Chefredakteurs – wie es die sonst ziemlich uneinigen Verleger ursprünglich wünschten – hatte das angesehene und liberale Blatt – dem Wunsch der Redakteure entsprechend – plötzlich deren sechs.

Illustrierten-Ente: Die Weiber von Sark

Es ist kein Geheimnis: Auch unter Journalisten gibt es schwarze Schafe. Sie sitzen nicht nur in den Redaktionen für Crime- und Sex-Storys, sie sitzen auch bei der Neue Illustrierte Revue.

Wie die Alten sungen

Der dreitägige Deutschlandtag der Jungen Union, die 116 000 Mitglieder im Bundesgebiet und Westberlin umfaßt, verlief am Wochenende in Braunschweig ohne große Auseinandersetzungen.

Dokumente der ZEIT

„Im Ausland ist viel darüber geschrieben worden, daß Jugoslawien zerfällt, wenn ich abtrete. In Jugoslawien sind zu viele und verschiedene Vermutungen darüber angestellt worden, wer meinen Platz einnehmen wird.

Jugoslawien: Tito sorgt vor

Der überraschende Vorschlag des jugoslawischen Staatschefs, Marschall Tito, die oberste Leitung des Staates einem mehrköpfigen Gremium zu übertragen (siehe Dokumente der ZEIT), hat in Jugoslawien wie ein Paukenschlag gewirkt.

Scheel in den USA: Gedämpfte Töne

Hauptthemen der Gespräche, die Außenminister Scheel während seiner einwöchigen Amerikareise mit seinem amerikanischen Amtskollegen Rogers in Washington und weiteren dreißig Außenministern am Rande der 25.

Düsseldorf: FDP gespalten

Der Streit um das Verhältnis der FDP zur Nationalliberalen Aktion (NLA) hat die elfköpfige FDP-Fraktion im Düsseldorfer Landtag praktisch gespalten.

Bundeshaushalt: Streit um Möller

Die Einbringung des Bundeshaushaltes 1971 begann mit einer heftigen Auseinandersetzung um eine Äußerung von Bundesfinanzminister Alex Möller.

Waffenruhe in Jordanien

Der blutige Bürgerkrieg in Jordanien ist vorläufig beendet. Trotz widersprüchlicher Berichte über einzelne weitere Gefechte schienen sich Regierungstruppen und Freischärler an das Waffenstillstandsabkommen zu halten, das am Freitag durch Vermittlung des sudanesischen Staatschefs el Numeiri zwischen Yassir Arafat, dem Chef der Palästinenser, und König Hussein zustande gekommen war.

Frankfurt Buchmesse 1970

Daß jede Buchmesse die bisher größte war, verstand sich immer von selbst; nur daß dieser Sachverhalt nicht mehr so stolz vermeldet wird wie zu den Zeiten, als noch kein Kulturschock das Selbstvertrauen der Büchermacher und -händler angefressen hatte.

Sein Geschmack war der von Millionen

Die Kritiker haben ihn meist ignoriert. Sie wußten nicht recht, wie sie seine Bücher beurteilen und einordnen sollten. Es schien bedenklich, sie der ernsten Literatur zuzuschreiben; und es war unmöglich, sie ausschließlich als Trivialromane zu behandeln.

Kunstkalender

Sieben Künstler aus Spanien, die meisten sind Professoren an der Escuela de Artes y Oficios in Madrid, Leute, die Kunst und Politik auseinanderhalten, die das System nicht verherrlichen und nicht bekämpfen, sieben Männer und Frauen, die alle miteinander verwandt oder verschwägert sind, Francisco Lopez ist mit Isabel Quintanilla verheiratet, Maria Moreno mit Antonio Lopez Garcia, Julio Hernandez ist der Bruder von Francisco Lopez und so weiter.

Abroad • Del extranjero • De l’étranger •: Trotz Protesten studieren

Das studentische Zentrum der University of California in Berkeley bietet dem Betrachter ein verwirrend buntes Bild. Auf der Plaza zwischen der Hochschulverwaltung und dem Studentenhaus – zwei gleichrangigen architektonischen Schwerpunkten – werben Hochschulgruppen mit Transparenten, Flugblättern, Musik um Interessenten oder Mitglieder.

ZEITMOSAIK

Am Montag dieser Woche starb in Baltimore der Schriftsteller John Dos Passos. In seinem vierundsiebzigjährigen Leben hat er einen weiten Weg zurückgelegt: Der Erste Weltkrieg, den er als Sanitäter mitmachte, verwandelte den Sohn eines Chicagoer Rechtsanwalts und kritischen Harvard-Studenten in einen radikalen Pazifisten; dann folgten fünfzehn Jahre antikapitalistischer, antiimperialistischer Publizistik; Enttäuschungen am praktizierten Kommunismus vor und während des Zweiten Weltkriegs änderten seine Überzeugungen gründlich – schließlich wurde er ein konservativer Sympathisant Barry Goldwaters.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Wer auch immer das Gerücht aufbrachte, daß Jeremy Spencer – Chef der Fleetwood Mac, nachdem Peter Green die Gruppe verlassen hat – auf seinem Solo-Album den Rock ’n’ Roll der fünfziger Jahre parodieren wollte, der irrt gründlich.

Gute Aussichten fürs Ohr

Klaus Schöning: „Musik als Hörspiel“ heißt das Thema der diesjährigen von Ihnen geleiteten „Kölner Kurse für Neue Musik“....

Uwe Johnsons neuer Roman

Wo im literarischen Leben nach wie vor die simple Faustregel gilt: Wer provoziert, der profitiert, wo brüskierende Manifestationen kaum mehr sind als harmlose Allüren, die längst zum professionellen Habitus gehören – da fällt ein Mann wie Uwe Johnson ganz und gar aus dem Rahmen.

Nach Plan ins Unterbewußte

Adam auf dem Wege zu sich selber, Subjekt und Objekt einer Untersuchung, die sich auf der autobiographischen und der archetypischen Ebene abspielt, die darauf zielt, die Dualität von "Ich" und "Es" zu überwinden.

KRITIK IN KÜRZE

„Lolotte oder Die Stufenleiter der Wollust“, Roman von Andrea de Nerciat. Der französische Erzähler, der 1800 sechzigjährig in Neapel starb, hatte nur ein Thema: Erotisches in Roman- und Dramenformen.

Schreibmaschinentypen

Er sagte, jetzt. Sie sagte, jetzt schon? Er sagte, jetzt erst. Kriminalroman: die Ermittlungen ergaben, daß die Leiche bereits in Verwesung übergegangen war.

Unser Seller-Teller September 1970

DDR: Saint-Exupéry, „Der kleine Prinz“; Vassilikos, „Z“; „Politische Ökonomie des Sozialismus und ihre Anwendung in der DDR“; Gluschkow, „Einführung in die technische Kybernetik“ Band 2; Fischel, „Können Tiere denken?“ (laut Literaturbeilage des Neuen Deutschland 9/70).

ZU EMPFEHLEN

Dieter Kühn setzt Napoleons Biographie den in ihr schlummernden Alternativ-Möglichkeiten aus, nicht der „Mann der Stunde“ zu werden: ein faszinierend erzähltes Konjunktiv-Gedankenspiel, das scharfsinnig die Rolle von Person und Zufall, historischer Notwendigkeit und Austauschbarkeit der großen Puppen der Weltgeschichte behandelt.

Die Kehrseite der Normalität

Thomas Bernhard, anerkanntermaßen einer der besten Prosaisten der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, schildert in seinen Romanen Figuren, die im zivilisatorischen Abseits dahinleben.

Der Mick-Jagger-Film „Performance“: Mit der Logik eines Horrortrips

Performance“ kommt gerade rechtzeitig zur Europa-Tournee der Rolling Stones und zum Vergleich mit dem anderen Mick-Jagger-Film, Tony Richardsons „Kelly der Bandit“, der eine Moritat aus dem irischen Freiheitskampf ist: aus dem Clan und in die Wälder treibt es den etwas tumben und tapferen Sproß der Kelly-Sippe, und am Galgen schließlich stirbt er „wie ein Kelly“ – Mick Jagger hat selber vor dem Film gewarnt.

Fernsehen: Wünsche

Sie hatten eines gemeinsam, das Mädchen, das ihren Busen wie ein Souvenir aus dem Bauchladen darbot (sich aber nicht für sexy hielt), der smarte Held aus Berlin, ein modebewußter junger Mann raucht Zigarren, der Polizeireserve zugehörig und bekümmert um die Freiheit unserer Stadt; der Unteroffizier, der gern unter den Älteren weilte, und der Beatnik mit den vielen Mädchen und der Vorliebe für Goebbels-Reden und Operetten-Musik: Sie waren Disc-Jockeys (beziehungsweise Jocketten), Persönlichkeiten jugendlichen Alters allesamt, die in Studios und Diskotheken um konsumfördernde Stimmung besorgt zu sein haben.

FILMTIPS

„Die Milchstraße“ (1968), von Luis Buñuel, ARD am 6. Oktober. „Marokko“ (1930), von Josef von Sternberg, Hessen III am 2. Oktober.

Internationale Begegnung für Jugendorchester in Berlin: Die Misere bei uns vor Augen

Es begann in St. Moritz. Herbert von Karajan nahm dort mit den Berliner Philharmonikern Mozartsche Serenadenmusik für die Schallplatte auf; en passant erfuhr er, daß ein paar Häuser weiter Leopold Stokowski Beethovens Siebente Symphonie probte – mit einem internationalen Jugendorchester, zusammengesetzt aus Mitgliedern einer Reihe von Ensembles, die zu einem Treffen in die Schweiz gekommen waren.

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